Galoppierende Geldentwertung: Inflation mit Schönheitspreis

Zurück zu 1992, damals allerdings standen die Sparzinsen bei acht Prozent.

Doch schon recht hoch, aber absolut vorübergehend. Das wird nicht bleiben, denn die Europäische Zentralbank akzeptiert allenfalls eine Geldentwertung, die mal kurzzeitig über zwei Prozent liegt. Nicht aber eine, die sich bei vier oder fünf Prozent dauerhaft einrichtet. Dorthin hatten sich die Verbraucherpreise laut Statistischem Bundesamt zuletzt begeben. Die Kaufkraft eines Euros war verglichen mit dem November 2020 um 5,2 Prozent niedriger –  ein Verfallstempo, in dem die europäische Einheitswährung mit der eingebauten Stabilität der alten deutschen D-Mark am Tag des Erreichens aller Klimaziele im Jahr 2050 noch ganz 20 Cent pro Euro wert wäre.

Der Russe treibt die Preise

Gerät da etwas außer Kontrolle, fragen sich selbst treue Verfechter von allem, was von oben kommt. Und sie raten raten: Diesmal sollte die Politik lieber mal nichts tun. Es wäre sowieso nichts da, keine Zinsen, die die EZB senken könnte. Kein milliardenschweres Inflationsschutzprogramm, mit dem die Bundesregierung Geld aus der linken in die rechte Tasche stopft. Keine Preissenkungsstrategie, die am Ende nur dem Russen in die Karten spielen würde.

Es bleibt allenfalls, was zur Inflationsroutine gehört: Herunterrechnen, vertrösten, auf den irgendwann auch wieder auslaufenden Basiseffekt verweisen und zusehen, dass die Bundesstatistiker in Wiesbaden das Handwerkszeug in die Hände bekommen, um einen Einkaufskorb zu berechnen, der die schlimmsten Befürchtungen der Bevölkerung eben nicht bestätigt, sondern ein wenig zerstreut.  700 sorgsam ausgewählte Waren und Dienstleistungen enthält das fiktive Bündel des imaginären Volksdurchschnittskonsums, darunter sind Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke, alkoholische Getränke und Tabakwaren, Bekleidung und Schuhe, aber auch Ausgaben für Miete, Wasser, Elektrizität, Gesundheitspflege, Verkehr, Nachrichtenübermittlung, Freizeit und Kultur und Bildung.

Mit dem spitzen Bleistift

Ein weites Feld, das großen Gestaltungsspielraum bietet.  Wenn Lebensmittel teurer werden, lässt sich bei der aller fünf Jahre stattfindenden Neugestaltung des Warenkorbes deren Anteil reduzieren. Man soll ja auch nicht so viel essen. Über eine nachgelagerte Gewichtung kann doch noch zwischen wichtigen und unwichtigen Ausgaben unterschieden werden, zudem lässt sich einberechnen, wie der technische Fortschritt sich auszahlt. Mag auch ein Apple-Handy heute doppelt so teuer aussehen wie vor sieben Jahren. In Wirklichkeit ist es viermal so gut. Also nur halb so teuer wie damals.

So lange die Preise schleichend steigen – seit der Einführung des Euro vor 20 Jahren haben sie sich verdoppelt, so dass inzwischen alles wieder so viel kostet wie vor der Halbierung auf den Preistafeln – lässt sich auf diese Art jede Beunruhigung vermeiden. Nur wenn die Geldentwertung galoppiert, muss die Beruhigungsmaschine angeworfen werden: Alles wird  ganz bestimmt bald wieder billiger, alles sieht nur teurer aus, bald werden energische Maßnahmen bei allen Gütern zu sinkenden Preisen führen, denn der preiserhöhende Effekt, nur entstanden durch nicht absehbare Sonderentwicklungen bei einzelnen Vorprodukten, wird auslaufen, sich abschwächen und sich dann sogar umkehren, also jedenfalls wäre auch das nicht unmöglich.

Versagen des Kapitalismus

Schon schlimm, dass eine hohe Inflation die Öffentlichkeit aufschreckt. “Doch von einer gefährlichen Entwicklung sind wir noch sehr weit entfernt”, heißt es beim sozialdemokratischen Redaktionsnetzwerk Deutschland. War es im August noch die Energie, die an allem schuld war, war es im September die Energie und im November ebenso. Der Russe eben. Das Statistische Bundesamt geht noch weiter und nennt mittlerweile nicht mehr die im vergangenen Jahr vorübergehend gesunkenen Preise, sondern auch steigende Erzeugerpreise als Gründe für das anhaltende Wachstum der Inflationsrate.

Nicht schuld ist eindeutig der hohe Energiebedarf der Geldfabriken der EZB, die schon zu Beginn der Corona-Krise auf historischen Hochtouren liefen, für Pandemie- und Klimarettung aber noch einmal 17 Gänge hochgeschaltet wurden. Nach übereinstimmenden Recherchen verschiedener Leitmedien steht hinter dem Preisanstieg auf breiter Front ein Versagen der kapitalistischen Märkte: “Sachen sind teuer, wenn sie knapp sind”, klagt die Hamburger “Zeit”, bei der die eingebildete Inflation ins Auge sticht:  1971 war das Blatt noch für umgerechnet 0,66 Euro zu haben, mittlerweile kostet “Die Zeit” 5,90 Euro. Das entspricht einer Preissteigerung von 7,8 Prozent pro Jahr und führt dazu, dass sich der Bezieher eines Durchschnittsgehaltes in Deutschland heute von seinem gesamten Einkommen nicht mehr etwa 1.000 Wochenzeitschriften im Monat leisten kann, sondern nur noch magere 670.

Bald wird alles billiger

In einer ordentlichen Planwirtschaft wäre das alles nicht passiert. So aber heißt es warten, dass es vorüber geht. Und das wird es, schreibt die “Zeit”, denn das Leben in Deutschland sei ja nicht nur teurer geworden, sondern auch viel schöner.  Zwar “scheint” (DPA) die Inflation in Deutschland “derzeit” (DPA) nur eine Richtung zu kennen: nach oben. Doch nach allen Erkenntnissen von DPA, RND, “Tagesschau”, “Zeit” und “Spiegel” scheint das nur so. In Wirklichkeit werden die Preise eines Tages auch wieder fallen. Und tun sie das nicht, dann wird eben ein Schönheitspreis ausgesetzt: Hier, wo alle so viel verdienen, dass sie sich im Grunde alles leisten können, egal, wie viel es kostet, bräuchte es doch gar keine Inflationsrate.

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