Der größte Pharmaskandal der Nachkriegsgeschichte

Autor: U.K. Bild: National Institutes of Health Lizenz: Public Domain


60 Jahre Contergan

Heute, am 26. November, jährt sich zum 60sten Male der Tag, an dem der größte und schlimmste Arzneimittelskandal der Nachkriegsgeschichte aufgedeckt wurde: Der Skandal um das Schlaf- und Beruhigungsmittel Contergan der deutschen Pharmafirma Chemie Grünenthal. Beworben als “absolut sicher” und “gut verträglich”, wurde Contergan auch und gerade für Schwangere empfohlen und millionenfach verkauft.

Was aber zuerst keiner erkannte und dann zunächst bewusst verleugnet wurde: Der in Contergan enthaltene Wirkstoff Thalidomid war hochgradig teratogen, d.h. fötus-schädigend, und brachte zehntausenden Familien auf der ganzen Welt Tod und fürchterliches Leid. Noch heute, 60 Jahre später, leben allein in Deutschland rund 2.500 Contergan-Geschädigte, die mit schwersten körperlichen Beeinträchtigungen, meist fehlende Arme, Beine und Hände, ihr Leben meistern müssen.

Bild: Heinrich Klaffs auf Foter (https://foter.com/f7/photo/30181208141/5f58bb2053/)

Doch der Reihe nach: Die 50er-Jahre waren im Deutschland der Nachkriegszeit geprägt von Aufschwung, “Wirtschaftswunder” und bedingungsloser Fortschrittsgläubigkeit. Das Frauenbild veränderte sich: Die Frau übernahm in den großen Büros der properierenden Firmen zunehmend wichtige Aufgaben, sollte aber gleichzeitig die treusorgende Hausfrau und – nach amerikanischem Schönheitsideal – stets optisch perfekt gestylt sein. Auch für die Herren der Schöpfung stieg der Leistungsdruck. Es reichte nicht mehr, schlicht die Familie zu ernähren. Nein, “Karriere” war gefragt, der Erfolgsdruck stieg.

So traf die Firma Grünenthal genau den Nerv der Zeit, als sie am 1. Oktober 1957 Contergan als scheinbar sicheres und nebenwirkungsarmes Schlaf- und Beruhigungmittel auf den Markt brachte. Da Thalidomid kaum toxisch wirkte und, anders als die damals üblichen Barbiturat-Präparate, nicht zum Suizid missbraucht werden konnte, war Contergan in bundesdeutschen Apotheken rezeptfrei und in jeder Menge erhältlich. Ja, es wurde sogar ausdrücklich Schwangeren zur Bekämpfung der morgendlichen Übelkeit während der ersten Schwangerschaftsmonate empfohlen!

Auf die Idee, die Wirkung von Thalidomid bei trächtigen Labortieren zu überprüfen, kam niemand. Es war ja auch nicht vorgeschrieben. Alle 1957 geltenden Tests und Zulassungsvoraussetzungen wurden von Grünenthal korrekt eingehalten, wie 13 Jahre später nach einem aufwändigen Gerichtsprozess festgestellt wurde. Und so nahm die Katastrophe ihren Lauf.

Contergan entwickelte sich zum absoluten Bestseller und brachte Grünenthal riesige Millionengewinne. In Grossbritannien und Australien wurde es als Valgraine zum Renner, in Österreich als Softenon, hier allerdings nur gegen Rezept.

Doch schon ein gutes Jahr nach der Freigabe von Contergan wurden Kinderärzte und Gynäkologen in Deutschland und Schottland stutzig ob einer unerklärlichen Häufung von Missbildungen bei Neugeborenen. Kinder kamen mit verkürzten, verkrüppelten oder gar völlig fehlenden Armen und Beinen auf die Welt, ein Auge oder Ohr fehlte, innere Organe waren unzureichend ausgebildet. Seitens der Mediziner vermutete man zunächst einen Zusammenhang mit den zahlreichen Atomwaffentests, die damals von den Großmächten in der freien Atmosphäre durchgeführt wurden.

Doch die Zahl der Fälle stieg rasant weiter, und gleichzeitig passierte ein ungewöhnlicher Anstieg von Totgeburten. Ende 1960 postulierte der schottische Arzt Leslie Florence erstmals im British Medical Journal einen möglichen Zusammenhang mit Thalidomid, konnte aber nichts beweisen. Grünenthal bestritt dies vehement, und auch eine in Deutschland eingesetzte Untersuchungskommission der Deutschen Forschungsgesellschaft brachte kein Ergebnis. Dies wohl auch, weil die beiden Kommissionsleiter unterschiedliche Denkschulen vertraten und sich in endlosen Formalien verzettelten.

Den Stein ins Rollen brachten letztlich der Hamburger Arzt Widukind Lenz und der australische Gynäkologe William McBride. Unabhängig voneinander konnten beide einen empirischen Zusammenhang zwischen der Einnahme von Contergan und der Häufigkeit von Missbildungen aufzeigen, und publizierten ihre Erkenntnisse in wissenschaftlichen Fachzeitschriften. Am Mittwoch, den 15. November 1961, konfrontierte Dr. Lenz schließlich Grünenthal mit seinen Erkenntnissen und forderte den sofortigen Stopp von Contergan. Grünenthal antwortete mit Einschüchterungsversuchen und drohte Lenz mit Schadenersatzklagen in Millionenhöhe. In seiner Not wandte sich Dr. Lenz an einen Journalisten der großen deutschen Tageszeitung “Die Welt”. Diese kannte keine Furcht und druckte in ihrer Sonntagsausgabe vom 26. November 1961 den berühmten Artikel “Mißgeburten durch Tabletten?” (Faksimile hier ) und verlangte sofortiges Eingreifen der Behörden und der Gesundheitsministerin.

Am nächsten Montag, dem 27., war Contergan aus allen Apotheken in Deutschland verschwunden und wurde weltweit zurückgerufen. Der Pharmahersteller Grünenthal stritt aber jeden Zusammenhang ab und verweigte auch jegliche Schadenersatzzahlungen. Erst nach einem jahrelangen Riesenprozess kam es im April 1970, auch auf politischen Druck hin, zu einem Vergleich zwischen den Eltern der geschädigten Kinder und der Firma Grünenthal. Als Folge dessen musste Grünenthal einen Betrag von 100 Millionen D-Mark (nach heutiger Kaufkraft etwa 280 Millionen €) in einen Hilfsfond zahlen, der von der Deutschen Conterganstiftung verwaltet wird und Hilfszahlungen an die überlebenden Contergan-Opfer leistet.

Weltweit dürften etwa 10.000 Babies mit Thalidomid-bedingten Miss- oder Fehlbildungen zur Welt gekommen sein. Viele davon sind in früher Kindheit verstorben, da sie aufgrund geschwächter Organe und anderer körperlicher Beeinträchtigungen kaum lebensfähig waren. Dazu kommen vermutlich noch bis zu Hundertausend Totgeburten, bei denen die Embryos im Mutterleib abstarben, auch hier in der Regel wegen fehlender innerer Organe. Ein tragisches Resultat für ein Medikament, das seinerzeit nach dem Stand der Wissenschaft als sicher galt.

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