Kehredite: Was das Zauberwort für die neue Koalition bedeutet

Fünfzig Milliarden sind kein Pappenstiel, selbst nicht für das “reichste Land der Welt”, selbst nicht, wenn sie jedes Jahr zusätzlich ausgegeben werden sollen. Die leidige Schuldenbremse, noch vor einem Jahrzehnt als Durchbruch in eine lichte Zukunft ohne ausufernde Anschreiberei gefeiert, steht den Plänen der kommenden Klima-Koalition ebenso im Wege wie der Unwille der depressiven Unionsparteien, den politischen Gegnerinnen nun auch noch die andere Backe hinzuhalten.  

Neue Wege in die Zukunft

Guter Rat ist teuer, denn alle bisher angedachten Möglichkeiten, die grundgesetzlich vorgeschriebenen Grenzen unauffällig zu umschiffen, scheinen bei aller Notwendigkeit, sie milde zu betrachten, zu augenfällig, um sie ungestraft von einem solidarischen Bundesverfassungsgericht umsetzen zu können. Was tun? Die grüne Vordenkerin Annalena Baerbock hat jetzt im “Morgenmagazin” erstmals angedeutet, wie sich eine neue Geldflut organisieren lassen könnte, ohne unzulässige Kredite aufzunehmen oder neue Schattenhaushalte aufzubauen.

Der Ausweg liegt nach Baerbocks Angaben in der Aufnahme von Kehrediten, einer neuen Art von Schulden, die keine Kredite sind, aber auch kein Geld bezeichnen, das einfach so in der Kasse liegt. Jedes gute Unternehmen, das feststelle, dass seine Maschine kaputt sei, könne bei der Bank einen Kredit aufnehmen, aber obwohl die Jamaika-Kolation festgestellt habe, dass Deutschland kaputt sei, gehe das wegen der Schuldenbremse nicht. Klar sprach Baerbock erstmals die Alternative aus: Kehredite, eine Umkehrung von “Rendite”, aber weder Schulden noch gewöhnlicher Kredit.

Europäische Wortarbeit

Der Begriff “Kehredite” ist eine Neuschöpfung der Bundesworthülsenfabrik (BWHF) in Berlin, das das schweizerische beziehungsweise süddeutsche Gender-Wort die/der Kehr, das für eine regelmäßige Runde steht, in einem komplizierten Herstellungsverfahren über noch bestehende Sprachgrenzen in der EU hinweg mit dem Wort dite vereint, das im Tschechischen für einen erwachsenen Menschen steht, der an ein Kind erinnert. Kehredite sind nach Auskunft von Annalena Baerbock Schulden, die man machen muss, aber nicht machen darf, allerdings machen will, Schulden also, die keine sind, weil man alles tu, sie zu vermeiden, indem man stattdessen Kehredite aufnimmt. 

Zu gewöhnlichen Verbindlichkeiten verhalten die sich wie sogenannte junior notes zu einem überzogene Girokonto: Kehredite, als Kürzel in Versalien als “KER” geschrieben wie die kurzfristige Erfolgsrechnung in der Betriebswirtschaftslehre, sind Milliardensummen, die im Rahmen der Schuldenbremse leicht zu stemmen sind, weil sie nicht mitgezählt werden müssen, denn die strengen grundgesetzlichen Vorschriften umfassen nur Schulden, Kredite und Verbindlichkeiten, nicht aber Investitionen “in Digitalisierung, in den Glasfaserausbau, in den Klimaschutz”, sagte Baerbock. 

Meisterstück der Jamaikaner

Kehredite sind ein Weg, Investitionen nicht im Haushalt erscheinen lassen zu müssen, sondern Spielräume auszunutzen, die für Zukunftsaufgaben freigehalten werden. Nehme die Bundesregierung etwa einen Kehredit bei einer bundeseigenen Bank auf, dann zähle das nach Aussage von Experten wie ein sogenannter “verlorener Pfennig”, den der Verlierer auf der Straße finde. “Ein Kehredit ist immer ausgeglichen”, heißt es im politischen Berlin, das den Testballon im Morgenmagazin vermutlich aufmerksam hat aufsteigen sehen. Ist das der Pfad, dem Deutschland in den kommenden vier folgen wird? Es wäre ein erstes Meisterstück der Jamaikaner.

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