Ein altgedienter Naturschützer fordert: ganzheitlicher Naturschutz statt Windkraftplantagen!

von AR Göhring

Sie betreiben eine private Windkraft-kritische Internetseite. Was hat Sie dazu veranlaßt?

Ich betreibe eine Homepage zum Ganzheitlichen Naturschutz. Unter knapp 20 Menüpunkten ist einer dieser Punkte Naturschutz und Windkraft. Dieses Thema mit mehreren Unterseiten, also durchaus ein Schwerpunkt. Das Thema Windkraft ist wichtig gerade unter ganzheitlichem Aspekt, wozu auch der naturethische gehört. Das Narrativ einer Klima- oder Weltrettung durch Erneuerbare Energien bei Ausblendung vieler weiterer klimarelevanter Aspekte menschlicher Aktivitäten auf dieser Erde versetzt dem Naturschutz voraussichtlich den endgültigen Todesstoß. Gerade dann, wenn dieser sozusagen als Beipackzettel des „Klimaschutzes“ marginalisiert wird. Hinzu kommt die gedankliche Engführung des Klimawandels und der derzeitigen Erderwärmung auf CO2 und Treibhausgase. Wissenschaftlicher Tunnelblick ist in der Geschichte der Erd- und Naturwissenschaften zwar ein nicht neues, nach den Errungenschaften der Aufklärung aber besonders deprimierendes Phänomen. Man hat den Eindruck, dass in jeder Publikation, die sich mit Natur, Energie und selbst mit sozialen Fragen befasst, die Begriffe Klimawandel und CO2 nicht fehlen dürfen. Deshalb habe ich – aufgrund eines den Hype um den Klimawandel begleitenden flächenhaften Angriffes der Erneuerbaren Energien auf die Natur – ein Buch verfasst (erste Auflage 2017).

Der Konflikt zwischen Naturschutz und Windkraftindustrie birgt eine finale Auseinandersetzung in mehrerlei Hinsicht: Es ist erstens das Eindringen von Industrie in die letzten noch naturnahen Räume und wertvolle Kulturlandschaften – in Mitteleuropa unser knappstes Gut. Dieses Eindringen geht auf Kosten betroffener Menschen und der Natur gleichermaßen. Die durch Windkraftindustrie bedrohten Schutzgüter sind allesamt durch die Grundrechte unserer Verfassung geschützt. Das BVerfG übernimmt in seinem vielbeachteten „Klima-Urteil“ nun die Engführung des Diskurses um den Klimawandel auf Treibhausgase, insbesondere CO2. Die gesellschaftliche und mediale Rezeption des Urteils ist genauso enggeführt und nimmt die Legende der Rettung des Klimas durch Erneuerbare Energien auf: „Entfesselung“ insbesondere der Windkraft – koste es letztlich was es wolle. Dies habe ich ganz aktuell öffentlich kritisiert. Der Durchmarsch der Erneuerbaren, insbesondere der Windkraft, aber kann nur gelingen, wenn man die in mühevollem Ringen in den letzten 50 Jahren erreichten Standards des Naturschutzrechtes schleift. Dies ist der zweite, der Öffentlichkeit nicht vermittelte Aspekt dieses finalen Konfliktes.

Die beschleunigte und am Ende fast flächendeckende Industrialisierung der Restnatur wird uns vor die Frage stellen, in welcher Landschaft und Umwelt wir zukünftig leben wollen. In meinem Buch zu Windkraft und Naturschutz wird deshalb der Bogen weit gespannt zu grundsätzlichen Fragen – letztlich geht es um die Zukunft des Natur-, Arten- und Landschaftsschutzes und um das Miteinander von Mensch und Natur. Ich zeige an konkreten Vorgängen auf, wie der Hype um den Klimawandel den Naturschutz „kannibalisiert“, und dass dieser Hype mit Betonung von technischer Weltrettung den naturethischen Diskurs anthropozentrisch verengt und um Jahrzehnte zurückwirft. Dass im ganzheitlichen Sinne die Beschädigung der Natur auch Beschädigung des Menschen bedeutet, und dass weltweit der Boom Erneuerbarer Energien sowohl mit dem berüchtigten blinden Fleck der Ökonomie für die Ökologie als auch mit Menschenrechtsverletzungen einhergeht, bestätigt, dass es in dieser Auseinandersetzung in der Tat um Ganzheitlichkeit geht.

Selbstverständlich gehört der Klimawandel auf die Tagesordnung der Menschheit. Aber eben nicht mit reduktionistischer Engführung nur auf Treibhausgase. Zunächst ist der Klimawandel mit einhergehender Erwärmung sehr wohl auch natürlichen Ursprungs am Ende einer eiszeitlichen Kaltzeit. Klar ist aber auch, dass die Erderwärmung inzwischen vom Menschen beeinflusst wird. Der Tunnelblick auf Treibhausgase aber verstellt die Sicht auf das, was der Mensch insgesamt durch Landnahme, Landnutzungswandel – insbesondere aber mit umfangreicher Zerstörung der Wälder der Erde – gerade auch an der Erderwärmung mit verursacht. Seit der letzten Eiszeit hat die Menschheit ungefähr die Hälfte der ursprünglichen Wälder entweder ganz vernichtet, oder aber doch entscheidend aufgelichtet. Es wäre reichlich naiv, zu glauben, dies hätte keine Auswirkungen auf das Klima, sind doch die im weitesten Sinne kühlenden Funktionen der Wälder bekannt. Wesentliche Überschreitungen planetarer Grenzen, zuvorderst der generelle Zusammenhang der ökologischen Krise inklusive Erderwärmung mit einer weiterhin rasch zunehmenden Weltbevölkerung, geraten in den Hintergrund und werden von der „Klimabewegung“ nicht thematisiert. Ich würde also zuerst im Zusammenhang mit der Erderwärmung und mit dem Blick auf die weltweite Naturzerstörung das dem Klimawandel notorisch zugeordnete Schlagwort „menschengemacht“ durch „mit verursacht“ ersetzen. Dies ermöglicht eine angemessene Beleuchtung aller Zusammenhänge ohne alleinige Fixierung auf Treibhausgase. Apodiktische Postulierung einer „Weltrettung“ alleine durch Begrenzung der Emissionen, gar durch Windkraft auf Kosten der Natur, ist das Gegenteil der dringend notwendigen Weitung des Blickes auf alle Zusammenhänge. Skepsis gegen den enggeführten Diskurs ist also berechtigt.

Wir wurden auf Sie aufmerksam, da Sie die Nachricht von zur Windrad-Bebauung freigegebenen Staatswäldern thematisierten. In Thüringen hat die CDU gegen die R2G-Mehrheit den Bau von Windkraftanlagen im Wald grundsätzlich verbieten können. Ist damit zu rechnen, daß in den nächsten Jahren alle im Besitz der übrigen Bundesländer befindlichen Waldflächen für die geplanten 300.000 Windräder abgeholzt werden?

In der Tat ist zu befürchten, dass weite Teile der in öffentlichem Besitz befindlichen Wälder in Deutschland nach und nach an die Windkraftindustrie ausgeliefert werden. Es sind auch Wälder bereits jetzt betroffen, die im Besitz von Kommunen sind. Wenn der Staat und die Körperschaften des öffentlichen Rechtes ihre Wälder, die streng genommen den Bürgern gehören, an die Windkraft „vermarkten“, wenn dabei auch noch Innengeschäfte durch Abgreifen von staatlichen Subventionen etwa durch staatliche oder kommunale Forstbetriebe getätigt werden, kann man dies auch als Veruntreuung auffassen und wäre das demnach erstens eine Angelegenheit der Rechtsaufsicht, die hier offensichtlich versagt; und es ist zweitens ein verheerendes Vorbild für Privatwaldbesitzer. Schon jetzt locken extrem hohe Pachtpreise unter Windenergieanlagen die privaten Waldbesitzer, von Waldbaronen und Großgrundbesitzern bis hinunter zu kleinen Waldbauern. Dazu kommt der vielfach wiederholte Windkraft-Fake, dass man auf geschädigten Waldflächen besser Windräder pflanze, weil der „kaputte“ Wald am Klimawandel ohnehin stirbt, und nur durch massiven Zubau von Windkraft noch zu retten und außerdem dabei viel mehr CO2 zu sparen sei. Dies wird in den Medien tausendfach kolportiert, bis es die Menschen glauben. Die gleichen Menschen, denen man ihren Erholungswald durch Rodung und Aufreißen des Kronendachs und das Hineinbetonieren von 250 Meter hohen Windkraftkolossen entwertet, bezahlen am Ende über staatliche Subventionen der Erneuerbaren und über den hohen Strompreis noch die Verhunzung ihrer Heimatlandschaften. Das hat deshalb mit Ganzheitlichkeit des Naturschutzes zu tun, weil dieser in der Angelegenheit der Naturbewahrung die Menschen in den Mittelpunkt stellt: Als Betroffene und als Verantwortliche. Besonders widersprüchlich: Die herausragenden Klimaschutzfunktionen der Wälder zählen offensichtlich gerade im selbsternannten Klima-Vorzeigeland Deutschland nicht, wenn es um Gewinnerwartungen der subventionsgemästeten Windkraftindustrie geht.

Mit Blick auf die jüngsten Verlautbarungen der etablierten Parteien ist inzwischen Schlimmstes zu befürchten. So gibt es schon jetzt die Lesart von guter und schlechter Waldvernichtung: Am Hambacher Forst bauen die „Klimaschützer“ Baumhäuser zu Verhinderung der Rodung. Als Vortragende beim Bundesverband WindEnergie fordert eine „Fridays-for-Future“ Aktivistin ungeniert zur weiteren Verspargelung ganzer Landstriche auf. Wenn im Schwarzwald oder im Odenwald intakte und wertvolle Wälder der Windkraft geopfert werden, ist von Klima-Aktivisten nichts zu sehen. Menschen, die sich gegen die Naturzerstörung durch Windkraft  wehren, werden in den Medien teilweise noch verhöhnt oder in die politisch rechte Schmuddelecke verortet.

Früher war für Umwelt- und Naturschützer der Kampf gegen das Waldsterben absolut prioritär; heute wird für eher abstrakte Ziele wie Gehaltsenkung eines Spurengases in der Luft gekämpft. Was hat sich da geändert?

Im Grunde kämpfen viele überzeugte Naturschützer immer noch gegen das „Sterben der Wälder. Dies besonders an der Basis. Der Begriff „Waldsterben“ ist allerdings in Zeiten des sogenannten Klimaschutzes überholt. Er wird speziell in den Medien in einer vergleichbar der Befassung mit dem Klimawandel verkürzten Aufarbeitung der Dürreschäden in Fichtenmonokulturen wiederbelebt. Freilich geht es beim Schutz der Wälder nun in ganz anderem Sinne ans Eingemachte: Das Erzählung von der Weltrettung durch Erneuerbare Energien wird in so erdrückender Weise medial überhöht und ständig getrommelt, dass man in dieser Echokammer offensichtlich den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen kann: Waldrodung für Windkraft wird in den Medien entweder nicht thematisiert oder schöngeschrieben. Hinzu kommt, dass die großen etablierten Umweltorganisationen – zumindest an den Verbandsspitzen – längst in großer Nähe zu Windkraft-Protagonisten und -Profiteuren operieren. Vorgeblich rettet man gemeinsam Klima und Welt. Der BUND ist Alleinerbe des Bundesverbandes WindEnergie (BWE). Greenpeace profitiert selbst mit seiner Sparte „Energy“, die massiv die Windkraft vorantreibt, von direkter Naturzerstörung. Ein von Greenpeace Energy in Auftrag gegebenes Gutachten schlägt ganz offen ein Windkraftgesetz vor, das die Mitwirkung von Regionalverbänden und Kommunen bei der Invasion der Windkraft am Ende außer Kraft setzen würde. Ein weiterer Umweltverbandskoloss, der NABU, hat sich in einem von den Medien gefeierten „Vogelfrieden“ mit der Windkraftindustrie und der Partei Bündnis 90/ die GRÜNEN zur Schwächung des Naturschutzrechtes regelrecht verabredet. Eine solche industrielle Schlagseite der Umweltorganisationen wäre vor einigen Jahrzehnten unvorstellbar gewesen. Interessanterweise kämpfen Naturschützer an der Basis solcher Vereine weiterhin vielerorts verbissen, auch und gerade wenn Windkraft wertvolle Naturflächen zu zerstören droht.

Wer eine „Rettung“ des Klimas alleine durch Senkung der Treibhausgasemissionen und in Verkennung natürlicher Dynamik gewissermaßen eine Konstanz des Klimas propagiert („Einhaltung bzw. Erreichen der Klimaziele; 1,5-Grad-Ziel um jeden Preis“), für den sind die Kollateralschäden der Erneuerbaren-Industrien an Natur und Landschaft offensichtlich in Kauf zu nehmen. Man darf gespannt sein, wie das BVerfG nach seinem Klima-Urteil die Beschädigung weiterer Schutzgüter des Art. 20 a GG im Rahmen des „Klimaschutzes“ und die Beeinträchtigung der Gesundheit der Bevölkerung verhindern will, wenn eine Verssechs- bis Verzehnfachung der Windkraft auf Biegen und Brechen umgesetzt werden soll.  Beschädigung der Natur gilt übrigens auch für weitere Erneuerbare Energien: Freiflächen-Photovoltaik und ganz besonders für die Wasserkraft, die weltweit die letzten freifließenden Flüsse und Bäche zerstört, und Biogas, das zur Vermaisung ganzer Landstriche geführt hat.

Man erkennt in Kreisen der „Klimaschützer“ nicht oder verschweigt ganz bewusst, was ich als Konfliktkonvergenz bezeichne. Speziell für die Windkraft gilt: Sie muss sich der letzten unversehrten und damit für den Natur- und Landschaftsschutz wertvollsten Flächen bemächtigen – es sind jene Flächen, die bislang noch weit, offen wenig besiedelt sind (Mittel- und Norddeutschland), oder die Windkraft-Invasion führt in die Höhen und abgelegenen Teile der (Wald)-Gebirge. Dass dies alles – das finale Verbrauchen der Restnatur – mit Steuermitteln gefördert und politisch inzwischen als „Klimaschutz“ gepusht wird, obwohl speziell Windkraft und Photovoltaik nicht zur Versorgungssicherheit mit elektrischer Energie beitragen, sollte jeden naturbewussten Menschen alarmieren.

Daß im Rahmen des technischen Klimaschutzes und speziell beim Ausbau der Erneuerbaren Energien eine junge Generation mit Versprechungen geködert und geblendet wird, die sowohl nicht einhaltbar sind, als auch in Zukunft ihre Lebens-Grundlagen und ihre Lebensqualität massiv beeinträchtigen werden, ist bezeichnend für den Weg unseres Landes in einen real bereits entstehenden Klimastaat: Dem Thema „Klimaschutz“ wird in einem solchen Staat alles, sowohl die letzten Reste der Natur als auch Gesundheit und Freiheit der Bürger ausgeliefert und untergeordnet. Dass BVerfG hat weitreichende Formulierungen geliefert. Und Anfänge sind bereits gemacht: Neben einer ersten bereits erfolgten gezielten Änderung des Bundesnaturschutzgesetztes war seit dem Herbst des Jahres 2020 die scheidende Bundesregierung unter der Verantwortung der „Klimakanzlerin“ Angela Merkel dabei, für eine „Verfahrensbeschleunigung“ eine ganze Kaskade von Natur- und Landschaftsschutz schwächenden Maßnahmen in die Wege zu leiten. Längst wird auch auf die Beteiligungsrechte der Bürger gezielt. Den Klima-Aktivisten, die das Urteil des BVerfG erstritten haben, wird in wahrhaft epochaler Formulierung die zukünftige Beschneidung ihrer Grundrechte und Freiheiten durch den Staat im Vorhinein angekündigt. Das sollte zu denken geben. „Klimaschutz“, quer durch die sich demokratisch definierenden Parteien in allen denkbaren Varianten auf vielen Wahlplakaten im Wahlkampf 2021: Das hätte der Begriff „Naturschutz“ in hundert Jahren nicht geschafft. „Klimaschutz“ wird zum großen – auch politischen Geschäft. Der Naturschutz kann das angeblich mögliche „grüne Wachstum“ als zusätzliche Verheißung des dereinst klimaneutralen Paradieses nicht bieten. Naturschutz beinhaltet eine altruistische Grundentscheidung. Er fußt auf Verantwortung und der Bescheidung des Menschen zu Gunsten anderer Lebensformen, die diesen Planeten besiedeln. Das meint der Begriff Ganzheitlichkeit. Es hat sich also nicht der Naturschutz und sein Anliegen geändert, sondern der Modus des öffentlichen Diskurses. Engführung und Tunnelblick sind das Gegenteil von Ganzheitlichkeit.

Sie treten für einen ganzheitlichen Naturschutz ein. Welche Elemente in Diagnose und Therapie würden Sie favorisieren?

Um Ganzheitlichkeit mit Leben zu füllen, benötigt es neben der Grundentscheidung für einen altruistischen Ansatz in jeder Hinsicht Besinnung und Differenzierung. Es geht für den solchermaßen verstandenen Naturschutz um gerechte Teilung des Planeten – unter den Menschen und mit der Natur, die als das definiert ist, was wir Menschen nicht selbst gemacht haben oder machen können. Es geht auch um die Schönheit der Erde, die wir in der alleinigen Betrachtung einer technischen Weltrettung offensichtlich aus den Augen verlieren. Diese Innenseite der Thematik – es sind die ethischen Defizite – will ich hier nicht vertiefen. Um Mängel der Diskussion zu konkretisieren reicht der Blick auf die äußeren Umstände und Tatsachen.

Ich nehme den Diskurs um den Klimawandel noch einmal auf und führe einige Gedanken mit Blick auf Klima- und Erdgeschichte und Naturschutz zusammen. Wir befinden uns im erdgeschichtlichen Maßstab noch immer in einer nacheiszeitlichen Erwärmungsphase am Ende der letzten Eiszeit. Die Erwärmung mit begleitendem Anstieg des Meeresspiegels hat lange vor menschlich messbaren Einflüssen begonnen. Dies wird – wie übrigens auch zwischenzeitlich bereits wärmere Phasen, die noch vor nicht allzu langer Zeit als Klima-Optima bezeichnet wurden – kaum mehr kommuniziert oder doch zumindest in der öffentlichen Bewertung unterbelichtet. Bezugspunkt heutiger Diskussionen ist ein „vorindustrielles“ Temperaturniveau und Klima, wobei häufig bei vergleichenden Grafiken mit der sogenannten „Kleinen Eiszeit“, einer besonders kalten Phase der jüngsten Vergangenheit, begonnen wird. Inzwischen wird fast jedes Wetterereignis an jedem Punkt der Erde dramatisch aufbereitet zur selbsterfüllten Prophezeiung der Apokalypse. Gleichzeitig wird dabei oft eine aus meiner Sicht unzulässige Vermengung gepflegt: Die Klima-„Katastrophe“ kann ohne Erneuerbare noch viel schlimmer bzw. nicht abgewendet werden. Diese Vermengung ist deshalb fragwürdig, weil überhaupt nicht klar ist, ob und wie die Erneuerbaren Energien das Klima wirklich „stabilisieren“ können – und zwar deshalb, weil ihr Ausbau naturbelastend und im Sinne der Erderwärmung absehbar kontraproduktiv ist. Nicht bestreitbar ist der Zusammenhang von Erwärmung und höherem Wassergehalt, den die Luft aufnehmen und demnach auch wieder abregnen kann. Keine vollständige Klarheit herrscht über die Folgen der Erwärmung für die Strömungsverhältnisse in Ozeanen und Atmosphäre, etwa das Verhalten des Jet-Streams – Faktoren, die wesentlich das Wettergeschehen bestimmen werden. Hier wird mit Modellen gearbeitet.

Wenn aber wie im gerade vergangenen Wahlkampf maßlose Übertreibungen und Fehldarstellungen aus Verkürzungen oder Unverständnis heraus kursieren, wenn falsche, in die Debatte gestreute Horror-Zahlen beispielsweise zum säkularen Meeresspiegel-Anstieg nicht mehr hinterfragt, sondern unbeanstandet medial vielfach redundant transportiert werden, ist zu einer solchen gezielten Angstmache Einspruch nötig und Skepsis angebracht. Dieser Einspruch hat nichts mit „Klima-Leugnen“ zu tun: Kein vernünftiger Mensch leugnet die derzeitige Erderwärmung und ihre physikalischen Folgen. Mit den Ursachen und mit der Einordnung oder Abgrenzung von natürlichen und immer wiederkehrenden Ereignissen, gar mit der Prognose zukünftigen Wetters ist es aber komplizierter. Es gehört Ehrlichkeit in die Einordnung und öffentliche Kommunikation der äußerst komplexen Phänomene.

Ehrlichkeit ist mit Blick auf die Natur und ihren ganzheitlich verstandenen Schutz bedeutend. Denn was völlig aus dem Blickfeld des medialen Alarm-Geschäfts gerät, ist die der Natur und ihren Rahmenbedingen (also auch dem Klima) als Grundeigenschaft innewohnende Dynamik und Veränderlichkeit. Ich habe auf meiner Homepage deshalb bewusst einen Denkanstoß zum Zusammenhang von Artenschutz und Klimawandel mit der Verlinkung einer wissenschaftlich sehr redlich und überzeugend modellierten und visualisierten Gletscherentwicklung der Alpen in den letzten 120.000 Jahre platziert. Das ausgeprägte Kommen und Gehen der Gletscher öffnet für Geowissenschaftler, Ökologen, Biologen und den Naturschutz spannende Einblicke und Fragen: Wer heute das mögliche Verschwinden der Gletscher mit dem unwiederbringlichen Verlust der an sie angepassten Lebensformen gleichsetzt, muss sich fragen lassen, weshalb überhaupt solche glazial angepassten Lebensformen in den Alpen heute vorhanden sind, wenn diese Regionen erdgeschichtlich nachweislich mehrfach (fast) gletscherfrei waren. Was wir aus der Forschung zur Evolution wissen ist: Sicher ist (nur) der Wandel!  Wir wissen, dass das Leben auf der Erde selbst beim Überstehen von Flaschenhälsen (diese übrigens häufig mit extremen Veränderungen des Klimas verknüpft) immer wieder mit großer Anpassungsfähigkeit und „Raffinesse“ reagiert. Entwicklungsschübe und Arealverschiebungen – übrigens auch für unsere eigenen Vorfahren – gab es gerade dann, wenn sich äußere Rahmenbedingungen, zu denen das Klima sehr entscheidend zählt, änderten.

Im landschaftlich idyllischen Tal des Schwarzwald-Flüsschens „Glatt“ bei Hopfau, Landkreis Rottweil, Baden-Württemberg im Jahr 2016: Das Plakat der Bürgerinitiative symbolisiert den bürgerlichen, zurecht emotional und mit Heimatliebe begründeten Widerstand. „Durchschnittslandschaften“ und Wälder nicht nur der deutschen Mittelgebirge sind gegen die Invasion der Windkraftindustrie nach gegenwärtiger Genehmigungspraxis und nach Bestrebungen zur Änderung der Rechtslage weitgehend schutzlos. Inzwischen wird speziell der Staatswald mit Schwerpunkt in Baden-Württemberg, Bayern, Rheinland-Pfalz und Hessen auf Betreiben der jeweils in Regierungsverantwortung befindlichen Parteien in den Planspielen der Windkraftindustrie wie ein großes Flächenreservoir für die Windraftindustrialisierung betrachtet und behandelt. Die Verketzerung und gesellschaftliche Ausgrenzung des Widerstandes durch Medien und Politik als politisch „rechts“, gar als von der Atom-. Öl- oder Gas-Lobby gesteuert, ist haltlos. Foto: Wolfgang Epple

Um nicht falsch verstanden zu werden: Es gibt durchaus Indizien, dass die gegenwärtige, zusätzlich durch den Menschen beschleunigte Erderwärmung zum Artensterben beiträgt. Aber der Klimawandel rangiert unter den „Big Killers“ der Artenvielfalt weit hinten. Auch dieses habe ich in meinem Buch beleuchtet. Die Antwort des Naturschutzes auf den Klimawandel müsste dem Vorsorgeprinzip gehorchen und demnach so ausgerichtet sein: Wir unterstützen die Natur mit allen Kräften in ihren Anpassungsmöglichkeiten. Das kann für die wildlebenden Arten im Endeffekt nur konsequenten Flächenschutz bedeuten, damit Arealverschiebungen und andere wichtige, v.a. genetische Prozesse mit genügend evolutionärem „Spielmaterial“ möglich bleiben. Mit Technisierung der durch Technik bedrohten Restnatur zu antworten, ist dagegen aberwitzig. Einem kranken Patienten zur „Rettung“ eine weitere Noxe – vielleicht sogar die entscheidende – hinzuzufügen, ist ein Widerspruch in sich. Wir befinden uns mit dieser naturfressenden Form der Energiewende auf einem fatalen Irrweg. Den Medien, die eigentlich berichten, aufklären und nicht Partei ergreifen sollten in einem Konflikt wie dem zwischen Windkraftindustrie und Naturbewahrung, kommt eine entscheidende Rolle in der Bewusstseinsbildung zu. Sie kolportieren seit Jahren einseitig die Propaganda der Erneuerbaren-Branche und ihrer politischen Erfüllungsgehilfen, berichten dagegen über die hier angerissenen Zusammenhänge – wenn überhaupt – verkürzt, und stellen keine kritische Sicht auf die mit der Energiewende einhergehenden Schäden und Bedrohungen für Natur und Mensch her.

Ganzheitlicher Naturschutz hat das Offenhalten der Pfade der Evolution in die Zukunft zum Ziel. Im Erhalt und Schutz großer zusammenhängender Flächen, die ganze Kontinente überspannende Netze bilden müssten (das genaue Gegenteil dessen, was die Menschheit zur Zeit betreibt), insbesondere aber ganz konkret im Erhalt der Wälder und der Lebensfähigkeit der Ozeane liegt die Zukunft der Menschheit in einem sich wandelnden Klima auf einem sich wandelnden Planeten. Es geht um gekonnte Einpassung und Eingliederung unserer Spezies und unseres Lebensstils, damit wir den anderen Lebensformen in einer gerechten Teilung den Platz auf dem Planeten lassen – den Platz, den sie zu ihrem und für unser Überleben brauchen. Selbstverständlich genießt dabei der Schutz der letzten schwindenden Wildnisse der Erde Priorität. Es sind die einzigen Gebiete, in denen Evolution ohne menschlichen Einfluss noch möglich wäre. Sie tragen zum Verständnis des Werdens und Wandels der Biodiversität des Planeten bei. Wie kleinkariert sind also Berichte der Medien, wenn Erneuerbare, vorzugsweise Windkraftindustrie und Klima- bzw. Weltrettung gleichgesetzt werden. Wie oberflächlich ist beim Blick auf dürre Fichten das Heraufbeschwören eines angeblichen, Klimawandel-bedingten „Waldsterben 2.0“ in unseren Breiten, wenn gleichzeitig die menschengemachten (hier hat diese Bezeichnung ihre Berechtigung!) ursächlichen forstlichen Fehler ausgeblendet sind und in den gleichen Sendern über Waldvernichtung mit Fingerzeig auf das ferne Ausland lamentiert wird.

Nach über 50 Jahren Engagement für den Naturschutz ist für mich besonders bestürzend: Die Besinnung auf das Ganze und eine Differenzierung der Argumente findet gerade in diesem Überlebensthema Naturschutz, sobald es um „Klimaschutz“ geht, eher  am Rande, als Fußnote statt. Die für Naturschutz zuständigen Behörden sind auf Windkraft-Kurs gebracht. Begründete Einrede im Zusammenhang mit Energiewende, großer Transformation  und „Green Deal“ wird ausgegrenzt. Auch diese „Cancel Culture“ habe ich in meinem Buch aufgegriffen. Diese Tendenz ist genauso wie die Verächtlichmachung berechtigter Emotionen, wenn es bei der Installation von Windenergieanlagen sehr konkret um Bedrohung der Lebensgrundlagen vor der eigenen Tür geht und das einseitige Pushen des Klima-Aktivismus Gift für unsere Gesellschaft. Politische Korrektheit, die naturfressenden Auswüchse und Kollateralschäden der Energiewende kleinredet, spaltet die Gesellschaft. Die Begrenzung auf eine Einheitsmeinung mit CO2-Tunnelblick beschädigt darüber hinaus gerade die nach dem Klima-Urteil des BVerfG ins Blickfeld gerückte Generationengerechtigkeit. Gerechtigkeit zwischen Menschen verschiedener Erdteile und Generationen ist so wenig wie der Schutz der uns behütenden Natur – also Gerechtigkeit über den anthropozentrischen Tellerrand hinaus – mit Einhaltung von CO2-Restbudgets zu erreichen.

Quellen:

Das Buch zum Konflikt:

Epple, W. (2021). Windkraftindustrie und Naturschutz. Windkraft-Naturschutz-Ethik. Eine Studie für die Naturschutzinitiative e.V. (NI), 544 Seiten. Verlag BoD – Books on Demand, Norderstedt.

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