Die Wahlsiegerin: Im Licht der letzten Tage

Unvergesslich und ikonisch: Die erste Kanzlerin als Porzellanpuppe in einem Souveniershop in Suhl.

Das war es nun also. Der erste Tag ohne mich. Der erste Morgen, an dem ich nicht mehr bin, was ich war. Obwohl ich es ja formal noch bin und nach diesem Wahlergebnis bestimmt auch noch eine Weile bleiben werde. Ich merke, dass ich schmunzeln muss, obwohl mir überhaupt nicht zum Lachen ist. Hätte ich es selbst nochmal angehen sollen? Ein fünftes Mal? Draußen wird es hell und ein neuer Morgen steht vor der Tür. In solchen Augenblicken kommt es mir immer vor, als liege alles offen und weit vor einem. Man muss nur hingehen. Zugreifen. Aber dann wieder, wenn der Tag sich streckt und mühsam wird, wenn einem in einer der seltenen ruhigen Minuten einfällt, dass das alles das einzige Leben ist, das man jemals haben wird, dann wollte ich mich immer trennen von dem Amt, das ich so sehr wollte und dann behalten wollte und dann wieder nicht.

Vogelfrei schwebe ich davon

Nun ist es vorüber, so ist es nun mal. “Vogelfrei schwebe ich, endlos weit auf lange Sicht” singt irgendeine Sängerin, ich weiß nicht mal den Namen. Ich würde auch gern singen können, ich hätte es immer gern gekonnt, aber das war dann nichts, wo sich eine Gelegenheit ergab, das mal zu machen. Als Kanzlerin muss man Würde verkörpern, Größe, die man nicht hat. Man ist das Gesicht des Landes, aber auch die Brandmauer zwischen den Menschen und der Wirklichkeit. Man verspricht ihnen viel und hofft, dass sie das Meiste schnell wieder vergessen. Steuerreform, Bürokratieabbau, Modernisierung. Jaja. Über die Jahre legt man sich einen Friedhof an vergessenen Projekten zu wie ein Kleingärtner, der bei Rundgang über seine Scholle irgendwann nicht mehr sagen kann, was aus dem und dem Beet eigentlich mal hatte wachsen sollen. Man legt sich ein dickes Fell zu. Das ist dann so. Weg mit Schaden, besser noch ohne. Sie kennen mich. Machen wir eben was anderes.

Ich war der ganzen Sache schon vor vier Jahren überdrüssig, das muss ich sagen. Wäre nicht in der Partei gar kein anderer dagewesen, hätte ich gesagt, es reicht mir, jetzt kann mal einer von den Herren und Damen weitermachen, die immer alles besser wissen. Aber die Personallage war dünn, niemand in Sicht mit Format und Schultern, die breit genug sind, das Erbe zu tragen, das ja so schlecht nicht ist. Denkt man sich, gut, warten wir noch vier Jahre. Und schauen mal, wen wir da reintrainiert bekommen. war zu ahnen, dass es mit Ursula nicht klappen würde? Und dass man sich bei Annegret so verrechnet?

Falsche Träume verhindern

Ich glaube nicht. Vielleicht verliert man nach so vielen Jahren ein bisschen das Gespür dafür, wie lebende Menschen das sehen, was die gerne möchten und wovon sie träumen. Manche Träume aber darf man auch nicht erfüllen, Stichwort starker Mann, Friedrich Merz. Den Teufel werde ich, Sie kennen mich. Aber 18 Monate nicht aus dem Büro gekommen zu sein, das war nicht geplant. ich hätte auch gar nicht gedacht, dass das funktioniert. Hier oben im Morgenkreis dachten alle, das gibt Druck von draußen, gerade wegen der pandemischen Lage. Wo ist die Kanzlerin, warum sieht man sie nie? Warum verbarrikadiert sich sich in ihrem Bunker, statt mal eine Intensivstation zu besuchen oder ein Gesundheitsamt?

Weil sie nicht muss! Der Vorteil einer lahmen Ente, wie das unsere amerikanischen Freunde und Partner nennen, ist ja, dass die nicht mehr schnell herumflattern muss. Kann sie auch nicht abgeschossen werden, habe ich immer gesagt. Wenn ich in mich hineinhorche, muss ich zugeben, dass es nicht die schlechtesten Monate waren, diese Zeit mit den Videokonferenzen, Videobotschaften, Abstandsbesuchen über Internet. Ungewohnt, aber unendlich viel entspannter als vorher die Herumreiserei von Gipfel zu Gipfel und nie kommt was raus außer ein Papier, das dann alle deuten, wie sie mögen.

Lieber ein Ende ohne Schrecken

So, wie es zuletzt war, wäre es auszuhalten. Aber Joachim hat beim letzten Mal schon gemosert, Angela, du verspielst deinen guten Ruf, Angela, mehr kannst du nicht erreichen, Angela, nun lass es gut sein. Mir war aber klar, dass es noch nicht reicht, dass noch so viel zu tun ist, das ich tun muss, weil nach mir keiner mehr da sein wird, der es tun kann. Ein Motiv, das aus der deutschen Geschichte bekannt ist, das weiß ich. Aber ich bin keine Historikerin, sondern Physikerin. Für mich sind Dinge immer, wie sie sind, man muss damit arbeiten und das habe ich getan, bis nun Schluss ist. Schade.

Denn wie gesagt, so schlecht ist der Blick von hier oben nicht. Und die drei, die da jetzt versucht haben, in die Schuhe großer Spitzenkandidaten zu schlüpfen, die dieses Land ja durchaus auch schon gehabt hat, die drei, muss ich sagen, machen mir schon Sorgen. Das sind doch keine Figuren, denen man was zutraut. Das sind doch Typen, die nicht ein Amt wollen, um etwas zu erreichen, sondern für die das Amt alles ist, was sie erreichen wollen, also ähnlich wie ich. Das beunruhigt mich, das würde mir sogar den Schlaf rauben, wäre ich jemand, der wegen solcher Dinge schlecht schläft. 

Loslassen lernen

Auf der anderen Seite muss ich sagen, dass sich eben auch kein anderer aufgedrängt hat. 83 Millionen Menschen und das kommt dabei raus: Eine sympathische Hochstaplerin, ein verdruckster Provinzfürst und ein altgedienter Bürokrat. Wenn einem dann klar wird, dass man auch diese Wahl noch gewonnen hätte, darf das nicht dazu führen, dass man sich für großartiger hält als man ist. Man muss loslassen lernen, den Rückzug genießen und sich freuen auf die Vorstellung, die nun geboten werden wird. Im Licht der letzten Tage betrachtet ist das, was da jetzt kommt, ja genau das, was sich die Leute wünschen. Mich ohne mich, meine Politik der jähen Wendungen, nur mit einem anderen Namen, und Alternativlosigkeit jetzt auch mit Klima.

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