Diskussion – was ist das? Corona? Lass uns das totschweigen. Bericht über eine Podiumsdiskussion

Von Gesche Javelin | Wahlkampf wird auch in den Schulen gemacht. Kein Wunder: hier wollen die Parteien die Erstwähler von morgen für sich gewinnen. Doch auf einer Podiumsdiskussion, die unsere Autorin besucht hat, wurde das wichtigste Thema für Jugendliche nicht einmal thematisiert. 

Vor der anstehenden Bundestagswahl fand in meiner Schule eine Podiumsdiskussion statt. Vertreten waren Die Linke, die Grünen, die SPD, die FDP, die CDU und die AfD. Es wurde über drei von uns Schülern gewählte Themenblöcke diskutiert oder eher schwadroniert, wodurch wir einen Überblick über die Standpunkte der Parteien bekommen sollten.

Dafür wurde uns im Politikunterricht zuvor ein Infozettel zur Veranstaltung gegeben, auf dem unter anderem die Themen, die zur Wahl stehen sollten, mitgeteilt wurden. Laut diesem könne zwischen den Diskussionsthemen Familie, Europa, Klima, Gerechtigkeit, Sicherheit, Corona und Arbeit entschieden werden. Ich fand es bemerkenswert, dass die Themen Corona, Familie und Gerechtigkeit nachträglich weggestrichen wurden. Entschieden wurde sich dann für Klima, Wirtschaft und Soziales. Corona – das Thema, was so aktuell ist wie kein anderes, alle betrifft und einschränkt, wurde erfolgreich nicht erwähnt. Wenn überhaupt kam es einmal im Nebensatz vor.

In einer Diskussion, in der es um die Politik der nächsten vier Jahre ging, wurde die aktuelle Krise totgeschwiegen. Dabei wurden wir Schüler immer wieder schwierigen neuen Bedingungen ausgesetzt, wussten manchmal nicht, wie es am nächsten Tag weitergeht und wie lange wir unsere Mitschüler noch sehen dürfen. Ganz zu schweigen von den psychischen Problemen, mit denen manch einer zu kämpfen hatte. Und keiner der Politiker fand es erwähnenswert. Man kann es sich sehr einfach machen und die unangenehmen Themen einfach umschiffen. Doch sollte man stillschweigen, wenn man ein Land zu regieren hat?

Die Aufgabe eines Politikers ist es, das Land zu vertreten, wichtige Entscheidungen differenziert zu treffen und immer das Beste fürs Volk zu wollen. So habe ich es jedenfalls in der Schule gelernt. Wenn man sich die aber Politiker anhört, finde ich es durchaus erschreckend, wem wir so große Verantwortung übertragen. Der Vertreter der Linken setzte beispielsweise das Statement, dass er selbstverständlich Angst z.B. vor dem Klimawandel verbreiten müsse, das gehöre zur Politik dazu. Warum? Schon Andrew Jackson sagte Angst ist ein schlechter Ratgeber.Insbesondere in der Coronazeit hörte und las man diese Aussage auch immer wieder von Psychologen und Ärzten. Wie oft und gerne haben die Politiker schon Angstszenarien in die Welt gesetzt, die am Ende nie eingetroffen sind oder nur in sehr viel schwächerer Form. Das beste Beispiel ist die aktuelle Coronakrise. Was glauben sie damit zu erreichen?

Es ziehen jetzt schon viele Politiker der Regierung einen weiteren Lockdown in Erwägung, auch wenn dieser das endgültige Aus für viele Klein- und Mittelunternehmen bedeuten würde, die psychischen Schäden inzwischen eindeutig zu sehen sind und der Nutzen auch fraglich ist. In ihren Wahlprogrammen sagen die großen Parteien aber lieber nichts zum weiteren Umgang mit Corona, das wird der AfD überlassen. Alle reden nur von einem Danach. Manchmal hat man sogar das Gefühl, sie sind mit ihrem Wahlprogramm im Jahr 2019 (oder noch früher) stehen geblieben.

Die Linken fantasieren von auf Bäumen wachsendem Geld oder um es realistisch zu betrachten: von der Ausbeutung des gut verdienenden Mittelstandes und dem ewig nachwachsenden Vermögen der Reichen, von dem sie schöpfen können. Sie träumen schon davon, was sie noch alles ausgeben wollen, damit sie den Schuldenberg endgültig zu einem Eisberg machen können, an dem unsere Wirtschaft (Ach nein, falsch. Ich meine natürlich den bösen Kapitalismus) entzwei bricht. Die Grünen wollen vor Begeisterung das Schiff gar nicht mehr anhalten und scheinen von dem Corona-Lockdown am besten direkt in den Klimalockdown übergehen zu wollen. Die CDU versucht die Coronakrise zu nutzen, um ihr altmodisches Image abzuschütteln. Sie meinen, in den nächsten vier Jahren die Digitalisierung und Modernisierung vorantreiben zu können, obwohl sie auch in den letzten sechzehn Jahren nicht wirklich vorangekommen sind. Die FDP hat mit ihrem Wahlspruch besser zusammengefasst, wie gut Politiker große Reden schwingen können, die am Ende rein gar nichts aussagen, als ich es je gekonnt hätte: Es gibt viel zu tun!Ach, wirklich?

Die Glaubwürdigkeit der SPD sinkt immer weiter. Nicht zuletzt, weil sie den Kindergarten komplett machen, der im Bundestag aufgemacht hat, und ihre Chance darin sehen, die CDU herunter zu machen. Ein verzweifelter Versuch durch das Bemängeln von anderen, sich selbst besser darzustellen. Ja und bei der AfD haben die Medien sowieso schon ganze Arbeit geleistet. Egal mit wem ich von meinen Mitschülern spreche, es klingt immer ungefähr gleich. Wie kann man nur die AfD wählen?oder Wer die AfD wählt ist dumm!

Am Ende haben die Politiker so lange geschwafelt, dass nur noch zehn Minuten Zeit waren, in denen wir Fragen stellen konnten. Deswegen wurden nur noch vier Fragen beantwortet. Also ich verstehe unter dem Wort Diskussion etwas anderes. Was ist das für eine Diskussion, wenn sowieso alle das Gleiche sagen, Kritiker nicht zu Wort kommen und sich bloß keinen schwierigen Fragen gewidmet wird? 

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