„Mit Energie zu Macht und Erfolg“: „Ingenieurin, Fußballtrainerin, Bundeskanzlerin. Frauen können alles werden“

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„Wer heute annimmt, er könne ohne Frauen in der Welt etwas bewegen, der irrt sich.“

Rita Süssmuth, Bundestagspräsidentin a. D., anlässlich der Feierstunde 100 Jahre Frauenwahlrecht im Deutschen Bundestag am 17. Januar 2019

„Ingenieurin, Fußballtrainerin, Bundeskanzlerin. Frauen können alles werden“, sagte Ministerpräsidentin Malu Dreyer im Mai 2018 bei einer ­Feierstunde zum Thema „100 Jahre Frauenwahlrecht“ im Mainzer Landtag.

Seit 2013 ist Malu Dreyer eine von aktuell zwei ­Ministerpräsidentinnen in Deutschland. Wie auch Ministerpräsidentin Manuela Schwesig aus ­Mecklenburg-Vorpommern ist sie die erste Frau in diesem Amt in ihrem Bundesland. Die ersten Ministerpräsidentinnen waren Heide Simonis (SPD), die das Amt der schleswig-holsteinischen Ministerpräsidentin von 1993 bis 2005 innehatte, sowie Christine Lieberknecht (CDU), die von 2009 bis 2014 an der Spitze des Freistaates Thüringen stand.

Annegret Kramp-Karrenbauer war von 2000 bis 2011 saarländische Landesministerin in verschiedenen Ressorts, die erste Innenministerin in einem Bundesland überhaupt und von 2011 bis 2018 Ministerpräsidentin des Saarlandes. Seit Dezember 2018 ist sie Bundesvorsitzende der CDU Deutschlands.

Seit 2005 ist Dr. Angela Merkel Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland. 1995 hat die Biologin und Biochemikerin Christiane Nüsslein-­Volhard als erste Frau aus Deutschland einen Nobelpreis für Medizin ­erhalten, 2009 folgte die Autorin Herta Müller mit einem Nobelpreis für Literatur.

Tina Theune übernahm nach den Olympischen Spielen 1996 das Amt der Trainerin der deutschen Fußballnationalmannschaft der Frauen und führte das Team erfolgreich bis 2005 durch Europameisterschaften, ­Olympische Spiele und zum Sieg der Weltmeisterschaft 2003. Sie erwarb auch als erste Frau die Fußballlehrer-Lizenz.

Und bekannte Ingenieurinnen? Bertha Benz (1849 bis 1944) hat durch ihren unternehmerischen, technischen und finanziellen Einsatz die Voraussetzungen für die Erfindung des modernen Autos durch ihren Mann Carl Benz gelegt – und nebenbei auch die erste Fernfahrt selbst hinter dem Steuer gemeistert.

Die Liste berühmter Frauen ist lang und geht nach den Pionierinnen noch lange weiter. Doch viele Wegmarken sind noch frisch. Oft ist das ­Präfix „erste“ der ganze Inhalt einer Geschichte: erste Vorständin hier, ­erste Bundesschiedsrichterin da. Wo stehen wir also heute?

Das Zitat von Rita Süssmuth ist nicht nur ein Appell an die Gesellschaft. Frauen treiben wichtige Entwicklungen in Wissenschaft, Politik und Gesellschaft voran und haben dafür den gleichen Lohn verdient. Rita Süssmuth sagt: „Es ist ein verfassungsmäßiger Auftrag“, und warnt davor, Frauen zu unterschätzen. Frauen haben viel erreicht, sie führen Unternehmen, Parteien, ­Fraktionen und Länder oder das Bundeskanzleramt. Aber gleichberechtigt oder ­gleichermaßen repräsentiert sind Frauen in Deutschland noch immer nicht.

Wie wenige es sind, das zeigt eine aktuelle Untersuchung der schwedisch-­deutschen AllBright Stiftung. Am 1. September 2018 hatten die 160 größten börsennotierten Firmen in Deutschland zusammen 697 Vorstandsmitglieder. Darunter waren allein 60 Männer mit den Vornamen Thomas oder Michael – aber nur 56 Frauen. Im vergangenen Jahr war der Zuwachs an Frauen in diesen Unternehmen sogar geringer als der Zuwachs an Männern, die diese beiden Namen tragen.

Selbst in der aufstrebenden und hippen Start-up-Welt zeichnet sich nach wie vor ein unausgeglichenes Bild ab. Aus dem „Female Founders Monitor 2018“ des Bundesverbandes Deutsche Start-ups e. V. geht hervor, dass nur rund 15 Prozent der deutschen Start-ups von Frauen gegründet werden.

Auch wenn die Rechtslage – mit einer Unterbrechung – seit 100 Jahren die ist, dass Frauen gewählt werden dürfen, de facto sind in den deutschen Parlamenten noch heute die Hälfte der Sitze nicht von Frauen besetzt: Im Deutschen Bundestag ist der Anteil weiblicher Abgeordneter so niedrig wie zuletzt 1998. Die Zahl weiblicher Abgeordneter in den Länderparlamenten wuchs in den letzten Jahren – allerdings sind Frauen in den Parlamenten der Länder im Durchschnitt nur zu etwa einem Drittel vertreten. Zwischen den einzelnen Bundesländern liegt eine große Spannweite. Schlusslicht ist Baden-Württemberg. Im 16. Landtag in Stuttgart sind nur knapp ein Viertel der Landtagsabgeordneten weiblich: 35 von derzeit 143 sind Frauen. An der Spitze steht Thüringen mit einem Frauenanteil von rund 41 Prozent, 37 Parlamentarierinnen sitzen auf den 91 Plätzen des Erfurter Landtages.

In den Kommunalparlamenten schließlich sind Frauen durchschnittlich am geringsten vertreten: Lediglich ein Viertel aller Mitglieder ist weiblich. Besserung ist nur in Städten in Sicht. Die Bundeszentrale für politische ­Bildung hat herausgefunden: je größer eine Stadt, umso höher der ­Frauenanteil.

Wenn ich auf meine Töchter schaue, sehe ich selbstbewusste junge Frauen mit einer starken Stimme. Auch sie können alles werden. Sie haben die Freiheit der Wahl – dem zweiten Grundgedanken von Emanzipation neben Gleichheit. Noch nie hatten wir eine solch ambitionierte Frauen­generation wie heute. Frauen auf der ganzen Welt sind davon überzeugt, dass sie bessere Chancen als ihre Mütter haben.

Chancen auf Einstieg gibt es viele, aber der Aufstieg passiert nicht automatisch. Die Hürde für Frauen ist nicht das Reinkommen, die Hürde ist das Hochkommen. Oftmals sind es nicht nur gläserne Decken, die den Frauen den Aufstieg verbauen.

In Unternehmen brauchen wir neue, flexiblere und offenere Strukturen und Arbeitsweisen, die Frauen und Männer gleichermaßen ansprechen. Die Erhebungen der bereits zitierten AllBright Stiftung zeigen nämlich auch, welche Unternehmen beim Thema „Frauen in Führung“ vorangegangen sind: Unternehmen, die Offenheit und Diversität fest in ihrer Kultur verankert haben. Flexible Arbeitszeitmodelle statt 9-to-5-Job, Kollaboration statt Konkurrenzdenken führen zu zufriedenen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen. Damit lassen sich Quoten besser erfüllen als mit starren Vorgaben.

„As I have said many times, if it had been Lehman Sisters rather than Lehman Brothers, the world might well look a lot different today“, sagte IWF-Chefin Christine Lagarde 2018. Zehn Jahre nach der Insolvenz der US-Investmentbank Lehman Brothers, die das Weltfinanzsystem erschütterte und zu einer Weltwirtschaftskrise führte. ­Neurowissenschaftliche Studien zeigen regelmäßig, dass Frauen unter Stress bessere Entscheidungen treffen als Männer. Sie gehen weniger Risiken ein und nehmen lieber den sicheren Gewinn, auch wenn dieser kleiner ist. Unter Stress werden Frauen außerdem empathischer anderen gegenüber.

Der „Female Founders Monitor 2018“ zeigt, dass von einer weiblichen Führungskraft mehr Wertschätzung ausgeht. Auch wird Frauen eine ­bessere Führungskompetenz zugesprochen als Männern. Vornehmlich weibliche ­Attribute wie „unterstützend“, „ehrlich“, „kooperativ“ gewinnen in ­modernen, von Kooperation und Kollaboration geprägten ­Arbeitsumgebungen ­zunehmend an Bedeutung. Sie sind wichtige Vorbedingung für Motivation, Leistungsbereitschaft und Kreativität.

Scrum, Design Thinking und agile Projektmethoden – die neue Arbeitswelt ist vernetzt, schnell und vielseitig. Die neuen Schlüsselqualifikationen liegen in sozialen Kompetenzen. Das zu erlernen, beginnt schon in der Schule: Statt Wissen zu lehren, das man googeln kann, steht gemeinsames Lernen im Team im Vordergrund. Statt den IQ zu messen, ist im 21. Jahrhundert der WeQ entscheidend.

Umsatz, Gewinn, Mitarbeiterzahl, Börsenwert – viele Untersuchungen sprechen dafür, dass sich Frauen in Führungspositionen für das Unternehmen buchstäblich auszahlen. Die Studie mit dem Titel „Is Gender ­Diversity Profitable? Evidence from a Global Survey“ des Peterson Institut for International Economics in Washington (2016) hat Daten von fast 22.000 Unternehmen aus 91 Ländern untersucht. Das Ergebnis: Mehr Frauen in der Führungsebene gehen mit einem höheren Nettoumsatz einher. Auch das Bruttoinlandsprodukt eines Landes steigt mit mehr erwerbstätigen Frauen, wie eine Studie der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) und der Technischen Universität München (TUM) aus dem Jahr 2016 belegt. Und: Es steigt auch die Innovationskraft.

Unternehmen können erfolgreicher sein, wenn sie Teams divers zusammensetzen – bezogen auf Fachrichtungen, Qualifikationen und eben auch Geschlecht. „Mixed Teams“, „Mixed Leadership“ sind die Schlagworte. Seit 2005 revolutioniert ein Unternehmen, das Vordenker bei Mixed Leadership und Gruppenintelligenz ist, unsere Kommunikation: Google. Es ist aber nicht einfach nur die Summe der Teammitglieder oder deren Intelligenz, die Spitzenleistungen hervorbringt. Google setzt vor allem auf die Art und Weise, wie frei und offen ein Team miteinander agiert. Open Mind, Open Space: Büroräume, Meeting- und Pausenräume, die reich sind an Licht und Ideen. So offen, flexibel, mobil und bunt wie die Menschen, die in ihnen arbeiten. Egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit.

Frauen in Führungspositionen und damit Mixed Leadership steigern die Teamleistung und damit den Erfolg von Unternehmen. Wem das noch nicht Gründe genug sind, um Frauen zu fördern oder selbst aktiv zu werden, dem sei ein weiterer Grund genannt: Fachkräftemangel. In Deutschland gibt es eine ganze Generation gut ausgebildeter Frauen. Noch nie gab es so viel weibliches Potenzial und Personal in der Pipeline. Die aktuellen Zahlen der Studierenden an den deutschen Hochschulen zeigen, dass es in den nächsten Jahren vor allem mehr weibliche Absolventen geben könnte.

Unternehmen müssen sich aber auch selbst ändern: Frauen müssen auch kommen und bleiben wollen. Es gilt, das Bewusstsein zu verändern und ganz konkrete Schritte zu gehen. Bewegt sich hier etwas, können auch Frauen einfacher Karriere machen.

Und wie sieht es in der Kommunalwirtschaft aus? Frauen haben in kommunalen Unternehmen größerer deutscher Städte insgesamt häufiger Top-Positionen inne als in börsennotierten Firmen. Dennoch stagniert der Anteil der Frauen in den Führungsetagen öffentlicher Unternehmen in den letzten zwei Jahren bei unter 30 Prozent. Das geht aus dem „Public Women-on-Board-Index“ 2018 der Organisation Frauen in die Aufsichtsräte (FidAR) hervor.

Hausaufgaben müssen also auch bei Stadtwerken und kommunalen Unternehmen noch gemacht werden. Der Verband kommunaler Unternehmen e. V., dessen erste Hauptgeschäftsführerin ich seit 2015 bin, wird in diesem Jahr 70 Jahre alt. Alt genug, um auch dieses Thema anzugehen. Die Branche muss zeigen, wie attraktiv und wie spannend sie ist. Stadtwerke bieten gut bezahlte Jobs, überall im Land. Ich bin jedoch der festen Überzeugung, dass am Ende die Frauen auch springen und Herausforderungen annehmen müssen.

Als Spitzenverband der kommunalen Wirtschaft in Deutschland vertreten wir die Interessen unserer Mitglieder der Energie- und Wasserversorgung, Telekommunikation, Abwasserentsorgung sowie Abfallwirtschaft und Stadtreinigung. Wir entwickeln smarte Innovationen, vernetzen Ideen und geben kommunale Inspiration, beispielsweise durch unsere VKU-­Serviceplattform kommunaldigital.de. Dazu gehören auch Impulse für einen Kulturwandel in den Unternehmen. Denn vor der Einführung digitaler ­Technik muss sich das Bewusstsein der Belegschaft, ihre Einstellung zu neuen Technologien ändern.

Der Wandel ist in vollem Gange, wir gestalten ihn aus voller Überzeugung Tag für Tag mit.

Katherina Reiche ist Hauptgeschäftsführerin des Verbandes kommunaler Unternehmen e.V. (VKU). Der Verband vertritt die Interessen der Unternehmen gegenüber Gesetzgebungsorganen auf ­Landes-, Bundes- und europäischer Ebene. Die ­VKU-Mitgliedsunternehmen kommen aus den Bereichen der Energie- und Wasserversorgung, Abwasserentsorgung sowie Abfallwirtschaft und Stadtreinigung. Die gebürtige Brandenburgerin arbeitete im Rang einer Parlamentarischen Staatssekretärin zunächst von 2009 bis 2013 beim Bundesminister für Umwelt, ­Naturschutz und Reaktorsicherheit und schließlich von 2013 bis 2015 beim Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur. Von 2001 bis 2016 war die studierte Chemikerin Mitglied im Landesvorstand der CDU Brandenburg und von 2000 bis 2010 sowie von 2014 bis 2016 Mitglied im Bundesvorstand der CDU. Seit 2002 engagiert sich Reiche im Vorstand der Europäischen Volkspartei. Die überzeugte Europäerin ist Mitglied in der Atlantik-Brücke, Mitglied im Rat für Nachhaltige Entwicklung der ­Bundeskanzlerin, im Beirat der RWE AG sowie in weiteren Beiräten namhafter Unternehmen. Reiche ist verheiratet und Mutter von drei Kindern.
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von Katherina Reiche

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