PPQ-Serie Spätlese: Machtverfall im Rückblick


E
s ist eines dieser Bücher, über die zu viel zu lesen war, als dass irgendwer sie noch lesen mag. Vor der ersten Zeile schon ist zu ahnen, dass man all das, was man erfahren wird, gar nicht wissen will, weil es ungute Gefühle auslösen wird. “Mein Darm und ich” oder “Urin – die Supersaft” unterscheiden sich von Robin Alexanders Werk “Machtverfall” nur in den Details der Unappetitlichkeit: Die einen Romane führen in eine Welt, deren Innereien zur Kenntnis zu nehmen das Alltagsleben auch nicht leichter macht. Alexanders Beschreibung der späten, pandemiegeprägten Phase der Ära Merkel ist allenfalls noch schlimmer, denn die detailreiche Beschreibung der “Mechanismen einer Machtmaschine”, wie die NZZ das “System Merkel” genannt hat, macht es tendenziell eher noch schwerer.  

Harry Potter in Berlin

Dabei ist das Buch eine großartige Arbeit an dem gewaltigen Felsen, zu dem die letzte verbliebene deutsche Volkspartei in den zurückliegenden 16 Jahren geworden ist. Nichts dreht sich, nichts bewegt sich mehr, als die Handlung einsetzt, mit einer langen Blende auf die Situation, die der Romanautor vorfindet. Cem Özdemir, ein solidarischer Begleiter der Verhältnisse seit den Jahren seiner Krawattenaffäre, vergleicht das Gefühl, das den oder die Lesenden beschleicht, mit “Harry Potter”: Angela Merkel als Zauberlehrling, über den Voldemort mal in Gestalt einer Finanzkrise, mal als Flüchtlingszug, später aber und akut als Virus kommt, hassschürend durchnummeriert mit griechischen Buchstaben

Das alles liest sich wie erfunden, eine Vorabend-Schmonzette, gegen die die dänische Serie “Borgen” wie auch das US-Pedant “House of Cards” überaus realistisch wirken. Im politischen Berlin, in das der stellvertretende Chefredakteur der “Welt” abgrundtief blicken lässt, sind die Winkelzüge und Intrigen  stets vorab erahnbar, selbst für jemanden, der den Irrungen und Wirrungen im inneren Kreis der Union nicht tagesaktuell zu folgen gewohnt ist. Wie in einem echten Thriller weiß der Autor auch vorher, wo es sich hinzuhören lohnt, um einen Dialog aufzuschnappen, der für das Gesamtverständnis der Ereignisse gekannt werden muss. Als sich Markus Söder und Armin Laschet lange vor ihrem öffentlichen Kandidaturkrieg auf einem Dresdner Balkon gegenseitig versichern, keineswegs unbedingt Kanzler werden zu wollen, steht Alexander zum Diktat bereit wie Romeo vorm Fenster seiner Julia.

Lahme Ente im Bunker

Das liest sich gut, das liest sich weg, das hat die Klasse, die die Pandemiepoltik, um die es überwiegend geht, nie gehabt hat. Als lame duck gelingt es Angela Merkel, um die sich in der CDU seit einem Jahrzehnt alles dreht, diesmal nicht mehr ihr größtes Kunststück, sich selbst zu entfesseln, in dem sie ihre Gegner mit deren eigenen Stricken an sich bindet. Die gewählte Form des Kolportage-Romans erlaubt es Robin Alexander, selbst das Tabu zu missachten, das in Deutschland das Privatleben von Politikern schützt: Die Pandemie-Angst und die Furcht vor Ansteckung, die Merkels Handeln wohl von Anfang an grundlegend bestimmt hat, zeigt er in einer kleinen Szene, die nichts auslässt.

Das Schlimme daran ist, dass es wirklich so gewesen sein könnte.  Dass Merkel öffentlich nicht auftrat, dass sie aus dem Kanzleramt regierte wie aus einem belagerten Bunker, wird ihre Sichtweise geprägt haben. Dass sie aber immer noch die  Kanzlerin war, prägte die Reaktionen ihrer Partei, deren Reihen sich just im Moment der Ankunft des Erregers in Europa in Richtung Bundestagswahl zu ordnen begannen. Die Seuche störte die Ordnung, nicht nur die gesellschaftliche, nicht nur die der Wirtschaft. Sondern, machtpolitisch betrachtet ungleich wichtiger, auch die Möglichkeiten, Allianzen zu bilden, um die sich am Ereignishorizont ankündigende Neuordnung der Kräfteverhältnisse für sich optimal zu nutzen.

Pralles politisches Leben

Jens Spahn und Armin Laschet kamen mit ihrem März-Abkommen zur Nachfolgereglung zu früh, die SPD dagegen war mit der Regelung der offenen Vermögensfragen an der Parteispitze zu spät dran. Wie alle suchen sie im Buch fortlaufend nach ihrer Rolle, sie wechseln die Gewänder, sie rochieren, probieren, was ankommt, und erfüllen einen hervorragend komponierten Vorabendkrimi trotz der im Subtext miterzählten Leichen mit prallem politischem Leben. Die “wohl größte Herausforderung” der Kanzlerin droht tagtäglich als ihre größte Niederlage zu enden – ein Alptraum, weil es der erhoffte und ersehnte Platz in der Geschichtsbüchern ist, den das kosten würde.

Merkel hat gesehen, was mit Helmut Kohl geschehen ist, dem Vater der Einheit, von dem am Ende seiner Tage niemand mehr ein Stück Brot nehmen wollte. Wie ein dunkler Schatten liegt die Drohung einer Wiederholung über ihr. Angela Merkels ruhige Hand zittert mehrfach vor Angst in Alexanders abenteuerlicher Geschichte von Aufstieg und Fall einer ganzen politischen Klasse. Hinter den berühmten Kulissen, die hier so dünn sind, dass ein “Hauptstadtjournalist” alles wissen kann und das, was er nicht wissen soll, ohnehin erfährt, bestimmen die “Grenzen der Autorität” (Özdemir) darüber, was sich Konkurrenten herausnehmen können. Und was ihnen selbst auf die Füße fällt.

Aufgefallener Aufstand

Wer mit wem gegen wen? Wer, wenn nicht wir? Und wann, wenn nicht dann? Die CDU hat den Aufstand gegen eine Chefin, die nur noch eine war, weil sie den Chefposten abgegeben hatte, nicht riskiert, um nicht die Macht zu riskieren. Den anderen Parteien aber war die Munition spätestens an dem Tag ausgegangen, als Merkels “Regierungspraxis, Positionen der politischen Linken zu übernehmen und eigene aufzugeben” (Die Welt) die gebürtige Hamburgerin zur Führerin aller demokratischen Parteien im Land gemacht hatte.

Ein Block steht zum Ende ihrer Amtszeit in der Mitte, der vom grünen Fantasien über den roten Mindestlohnstaat und die urbane Gendergemeinschaft von CDU und CSU bis zu den Resten des deutschen Liberalismus reicht. Machtverfall, wie Robin Alexander es nennt, ist es gewesen. Doch das letzte, “spektakuläre Kapitel in einem noch größeren Drama: dem Ende einer ganzen Ära” (Siedler-Verlag) ist die Geburtsstunde einer neuen, womöglich ewiglichen Republik. Die inneren Machtzirkel enger denn je zusammengerückt nach den beinahe selbstzerstörerischen Versuchen, die Nachfolge der Kanzlerin auf Männerart auszukämpfen. Das Personaltableau qualitativ wie quantitativ eher an die Stadtverordnetenversammlung von Jammertal erinnernd denn an eine immer noch von früherer Größe und Potenz zehrenden Industrienation. Und immerdar die Illusion, die ganz Welt schaue auf dieses Stadt Land, neidvoll und begierig, alles zu lernen, was hier nie klappt.

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