Der Mensch als Gift: Zu Besuch in einer toxischen Wirklichkeit

Ihr Leben als Klickluder konfrontiert Cecilie Cremeslice täglich mit toxischen Nachstellungen.


S
ie tragen absurde Künstlernamen wie “Ines Anioli”, “Cecilie Cremeslice”, “Leila Lowfire” oder “Jorinde Weise”, sind von Beruf “Sexpodcasterin”, “Influencerin” oder einfach nur Stammpersonal auf der Besetzungscouch von allerlei tristen Fernsehratespielen. Vor allem aber sind sie Gewerbetreibende in eigener Sache, die nicht davor zurückschrecken, noch die fürchterlichsten Augenblicke ihres Lebens öffentlich zu Markte zu tragen, um aus dem Mitgefühl des Publikums zusätzliche Monetarisierungsmöglichkeiten zu melken. Ein trauriges, ein unmenschliches Gewerbe, das denen, die in ihm tätig sind, geradezu die Pflicht auferlegt, aus ihrem bisschen Leben eine fortwährende Seifenoper zu komponieren.  

Eine endlose Seifenoper

Gefangene werden dabei nicht gemacht. Es geht immer darum, zu exekutieren, Existenzen zu vernichten, Skandale auszureiten, bis der eigene fame ein neues Level erreicht hat, das sich in barer Mpnze auszahlt. Anioli spricht über ihr schlimmstes Erlebnis. Cremeslice prangert Nachstellungen an, die ihr mit den Augen angetan werden. Lowlife leidet unter hetzerischen twitter-Eintragungen, die sie über halbnackte Instagram-Posts aufzuarbeiten versucht.

Ein Leben als beständiges Leiden am Dasein, wie es junge Künstler schon immer auszuhalten hatten. Doch wo in früheren Zeiten ein einfacher Ausweg offenstand, wenn das Leben nicht hielt, was es versprochen hatte, müssen auch die schlimmsten Erlebnisse heute nicht nur erlebt, sondern auch öffentlich gemacht werden. Die einstige Sexpodcasterin Anioli etwa erlebte in ihrer früheren Beziehung sexuelle Gewalt,  Lügen und Zurücksetzungen durch einen Mann – ein Vorgang, der in der Weltgeschichte nahezu ohne Beispiel ist. Gewalt gegen Körper und Seele beklagt auch Cecilie Cremeslice, der es bis heute nicht gelingt, den Mann zu vergessen, der als Liebender in ihr Leben trat, ehe er eine andere fand.

Nicht mehr im Kämmerlein

Um ihre Trauma zu verarbeiten, verkriechen sich junge Öffentlichkeitsarbeiterinnen heute nicht mehr still ins Kämmerlein, weinen sich die Augen aus und warten, bis der Schmerz vorübergeht. Nein, auch der Umstand, Opfer geworden zu sein oder geworden sein zu können, hat ein Marketingpotenzial, das nirgendwo mehr unterschätzt wird. Zwar könne man „die Wunde ihr von außen nicht sehen” gibt Ines Anioli zu. Aber dank ihrer darstellerischen Kraft sei es ihr gelungen, nach außen zu verdeutlichen, “dass ich mich anders bewege. Benehme. Rede. Bin“. Den Rest erzählt sie, um der Fanatsie nicht zu viel Raum und dem Privaten nicht zu viel Wichtigkeit zu lassen: Allein bei dem Wort Sex krampfe sich ihr ganzer Körper: „Ich habe Albträume. Nachts. Und tagsüber. Ich bin gefangen in mir selbst.“ 

Nun mag jemand anmerken, dass das zum Schicksal jedes einzelnen Menschen gehört. Doch aber nicht so, so schlimm, so tragisch, so auf offener Bühne, selbst inszeniert, Überlebende eines “schweren Unfalls, bei dem mein Leben zerquetscht wurde.“ Von einem binären Partner, der toxisch war und narzisstisch und bereits einmal abgeschafft, ehe er “nach einer längeren Auszeit zurück in ihr Leben trat”. Eine Liebesgeschichte wie das große Drama von Peter und Nadine, aber ohne Happy End: Als Influencerin geht man durch wenige schöne Höhen und viele, viele extrem tiefe Abgründe, man ist das Schalke 04 der Marketingbranche, das vorleidet und als einziger Mensch weltweit Lügen und Intrigen in einer Liebesbeziehung zu erdulden hat.

Die stellvertretend Leidenden 

Sie sind die stellvertretend Leidenden, die Vorbilder für in Leben voller Verletzungen, voller Missbrauch und voller Gelegenheiten, das eigene fürchterliche Schicksal öffentlich zu beklagen. Ein Übergriff kann sich hier so abspielen: Beide liegen gemeinsam im Bett, sie spricht plötzlich an, wie verletzt sie sei. Genervt davon beginnt er, sie zu schütteln und kitzeln, er drückt ihren Oberkörper auf das Bett, zieht ihr die Hose aus und fängt an, an ihr herumzuspielen, wie Ines Anioli es formuliert. Dann hört er auf und sagt: „Ich war gerade kurz davor, dich zu vergewaltigen“.

Geht es noch schlimmer? Ist ein Leben noch möglich, wenn einem erst aufgefallen ist, dass Menschen toxisch sein können, ein Gift, das krank macht wie eine ätzende Essenz. Dass sie andererseits aber gerade dann der Stoff ist, aus dem sich mit einem gewissen Aufwand, einem hohen Maß an Selbstverachtung und fleißiger Arbeit vor Kamera und Mikrophon genug Einnahmen generieren lassen, um die Miete zu bezahlen? Dass man das Gift also braucht, um zu leben?

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