Hitler-Peak: Der lange Abschied vom Überführer

Moderne Charttechnik könnte errechnen, wann der Name Hitler zum letzten Mal gesagt werden wird.

Er ist einer der stabilsten Star der Gegenwart, seit mehr als 100 Jahren auf der Bühne, aber immer noch kein wenig ausgespielt. Adolf Hitler gilt als Marke, mit der sich alles verkaufen lässt, und sei es als Gegenteil davon. Der “Führer” füllt keine Fernsehsendungen, sondern Fernsehprogramme und Kinosäle, keine Bücher, sondern Bücherregale, er inspiriert Rocksänger und Poeten, Politiker rufen ihn im Streit zu Hilfe und selbst seine größten Gegner definieren sich meist zuallererst über ihre Ablehnung ihm gegenüber.

Hitler ist mehr als 90 Jahre nach seinem Amtsantritt eine Art Überführer des deutschen Schicksals. Ohne ihn geht gar nichts, denn seine Menschheitsverbrechen sind der Maßstab, an dem sich Massenmörder stets messen lassen müssen, auch wenn das Ergebnis vorher feststeht: Niemand kommt ihm gleich, ja, niemand kommt ihm auch nur nahe. Gäbe es Hitler nicht, so müsste er erfunden werden.

Allerdings bröckelt offenbar inzwischen auch das nachhaltige Modell des ewig Untoten als oberster Unterhaltungskünstler und Erziehungsberechtigtem der Republik zuletzt sichtbar. Nicht nur fehlen seit Monaten die Themenabende im Gemeinsinnfunk, die “Hitlers Hunde”, “Hitlers Frauen”, “Hitlers Veganismus” und “Hitlers Panzer” jeweils konzentriert beleuchteten.

Nein, auch aktuelle Zahlen aus Googles Ngram-Analysetool lassen für die Führerindustrie schlechte Zeiten ahnen. Bereits heute liegt der Hitlerpeak ganz offensichtlich hinter den modernen Gesellschaften weltweit, der Trend ist nicht mehr Hitlers friend. Mit den Mitteln der modernen Charttechnik könnten Experten heute schon vorhersagen, wann der Name des Teufels zum letzten Mal ausgesprochen werden wird.

Gelegentliche Aufwallungen wie um des Führers Geburtstag im Jahre 2007 sind historischen Zufälligkeiten geschuldet, momentanen Empörungswellen oder sorgfältig inszenierten Jubiläen. Der technische Analyst aber sehen im Langfristchart der Aktie Hitler denselben hoffnungslosen Verlauf wie im Chart der Deutschen Telekom-Aktie: Nach einem historisch kurzen Höhenflug beginnt das endlose traurige Versinken in der Bedeutungslosigkeit.

Bei Hitler begann der Abwärtstrend erstaunlicherweise bereits Ende 1942. In diesem Jahr weit vor unserer Zeit herrschte eigentlich Hitler-Hochkonjunktur. Der Führer kannte nur eine Richtung, der Chart ging von einer steilen in eine nahezu senkrechte Aufwärtsbewegung über, wie später auch der Bitcoin, Wirecard und die Beliebtheitskurve der Grünen.

 
Doch mit Rommels Rückzug in Afrika und der Niederlage von Stalingrad wandten sich die Bewunderer ab und auch die Feinde schrieben nun weniger Bücher. Die stete Präsenz des toten Hitler, die nahezu jeden heute Lebenden befähigt, eine halbwegs erkennbare Führerpersiflage vorzuführen, begann danach, aber als reine Scheingröße. Hitler ist zwar noch da, mehr als je zuvor sogar. Aber eigentlich ist er auch medial längst gestorben.

Leserbriefe

Nachrichten, Kommentare, Leserbriefe - News im Minutentakt.