Österreich im Fußballfieber

Von Männern, die auf ihre Ehefrauen vergessen – und Frauen, die sich an „strammen Wadeln“ erfreuen

Man kann es mit keinem Thermometer messen, das Fieber, das fast ganz Österreich erfasst hat. Aktuell gibt es, im Gegensatz zu Corona, auch kein Mittel gegen die Emotionen, die hochgehen, wenn unsere Kicker ein Tor schießen. Nach dem Anpfiff werden Wohnzimmer zu imaginären Spielfeldern und jeder, auch wenn er selbst nie einem Leder nachgejagt hat, wird zum Fachmann. Glotzophon, Bierdosen und Knabbergebäck verdrängen die Ehefrauen, die sich angesichts der patriotischen Euphorie geschlagen geben müssen. Obwohl es zugegeben auch Frauen gibt, die angesichts der strammen Männerwadeln am Spielfeld schwach werden und zumindest so tun, als wäre Fußball durchaus ein Konkurrent zur Männerwelt.

Auch wenn sie ein Abseits nur daran erkennen, dass der Linienrichter mit der Fahne winkt. Schießen unsere Kicker ein Tor, dann schreien sie so, als wenn der Postpote mit einem Zalandopaket vor der Tür steht.

Und alle versuchen, ihren Senf beizutragen und mit Fachwissen zu punkten. Und dann ein Sieg. Gegen Außenseiter Nordmazedonien. Ein Sieg mit einem bitteren Beigeschmack. Arnautovic konnte in seiner Torschützeneuphorie seine Klappe nicht halten. Selbst Alabas Versuch, sie zu schließen, brachte keinen Erfolg. Nicht der Beschimpfte, bei dem sich Arnautovic entschuldigte, sondern der Fußballverband Nordmazedoniens forderte eine Strafe wegen rassistischer Aussagen ein. Und die FIFA reagierte mit einer Sperre für ein Spiel. Was macht der österreichische Fußballverband? Er schweigt.
Die spielerische Komponente und die Leistung der Kicker verschwand im Hintergrund der Diskussionen um Worte, die viele Landsleute unserer Gegner in Wut, Euphorie, Zorn und Enthusiasmus bei vielen Gelegenheiten auch schon straffrei von sich gegeben haben. Nicht hörbar, aber immerhin von den Lippen ablesbar.

Egal. Was soll’s. Die Niederländer warten schon. Die heimische Presse lobt nach dem ersten Sieg unsere Mannschaft in den Himmel. Und dann Amsterdam. Der Himmel verdunkelt sich schon nach zehn Minuten und wird und wird nicht heller. Und unsere Spieler werden nicht schneller. Die Bemerkung „Holländische Rennpferde gegen Österreichische Haflinger“ konnte sich meine Frau nicht verkneifen. Und eine Dame bemerkte zynisch: „Da bin ich mit den Stöckelschuhen schneller!“ Und wieder hätten alle in der Runde versammelten Möchtegernkicker genau gewusst, wie man es besser hätte machen können. Auch Fußballanalytiker Schneckerl (Prohaska), der fachmännisch meinte: „Wir sind zu linkslastig. Wenn man einseitig spielt, sind halt auf der anderen Seite zu wenige Leute. Und dann passiert es.“

So mancher entdeckte nach dieser Aussage Parallelen zur Politik. Endstand nach zwei qualvollen Spielhälften 2:0. Und kein geringerer als Alaba meinte in seinem Interview: „Wir haben versucht, guten Fußball zu spielen.“ Dies verleitete meinen Nachbar zu sagen: „Versuchen ist zu wenig, Fußballspielen hättet ihr sollen!“ Dabei war ja alles gut. Die Stimmung war gut, das Wetter war gut, der Platz war gut, nur wir waren schlecht. Mit einem Fluchtgetränk und ein paar mehr oder weniger witzigen Bemerkungen über die Fußballnation Österreich zogen sich alle zurück. Aber nicht im Groll, sondern voll der Hoffnung, den Spielern der ukrainischen Mannschaft eines aufzubraten. Das mag zwar boshaft klingen, ist aber angesichts der Chance, das Achtelfinale im Reigen der Besten Europas zu erreichen, durchaus legitim. Und dann Bukarest. Blanke Nervenkostüme, unbeschreibliche Anspannung bis zum Anpfiff. Österreich gegen die Ukraine. Zwei Sportreporter stehen in den Startlöchern. Einer kommentiert das Spiel und der andere sagt, wie man es besser hätte machen können. Eine Lage 16er-Blech und massenweise Knabbergebäck warten schon.

Und dann eine durchaus farbige erste Halbzeit. Rot–weiß–rot gegen Kanariengelb und unsere Kicker zeigten wirklich Klasse. Ein sensationeller Torschuss von Baumgartner löste Krankls legendären Torerfolg in Cordoba vor 34 Jahren ab. Und dann die zweite Halbzeit. Laut Auskunft meiner Frau war Stürmerstar Arnautovic bis zur 88. Minute am Spielfeld. Dafür glänzten einige unserer Spieler durch tolle Aktionen und schöne Spielzüge. Man kann nur gratulieren und sich über diesen Sieg freuen. In weiser Voraussicht haben wir eine Flasche Wein zur Feier des Tages geöffnet. Denn auch wir wollten ein Achtel im Finale. Das Fußballfieber kann sich jetzt weiter ausbreiten.

Österreich zum ersten Mal in der Geschichte in einem K.o-Finale. Aber ausgerechnet gegen Italien. Am 26. Juni. Also, liebe Fußballfans und Patrioten:
Haltet weiterhin die Daumen für Franco Foda und seine Truppe. Ich kühle jetzt schon eine Flasche Wein ein. Falls wir mit einem Viertel zum Viertelfinale anstoßen können.

Manfred Tisal ist Kabarettist, Moderator, Autor und Journalist.

[Autor: Bilder: PxHere Lizenz: -]

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