Von Hohepriestern und Fremden: kleiner Nachtrag zum Vorwurf der Xenophobie

Sehr geehrter Thomas M.,

 

zu meinem Text „Wenn Hohepriester Elitenkritik für eine ganz schlechte Sache halten“ schreiben Sie:

„Die kaum verhohlene Kritik an Frau Nguyen-Kim geht einwandfrei als nicht mehr ganz latente Xenophobie durch.“

Dass Sie bei mir eine kaum verhohlene Kritik an der Journalistin Mai Nguyen-Kim wahrnehmen, ist etwas überraschend. Denn meine Kritik an ihren Aussagen ist nicht nur kaum, sondern gar nicht verholen, vielmehr kritisiere ich sie geradezu unverhohlen. Es leuchtet auch nicht recht ein, warum ich, wenn ich meine, die Ansicht einer Person sei kritikwürdig, diese Kritik dann in einem Subtext verstecken sollte.

In meinem Text ging es um den Versuch der Autorin Carolin Emcke, von Annalena Baerbock, einigen anderen und eben auch Mai Thi Nguyen-Kim, so etwas wie eine postdemokratische Debattenkultur einzuführen. Bei Emcke durch die Verketzerung der Elitenkritik, die sie jedenfalls dann für unmoralisch und gesellschaftsschädlich hält, wenn sie sich gegen linksmoralische Eliten richtet, bei Baerbock durch die Forderung, die Öffentlichkeit möge zumindest bei den Vorschlägen ihrer Partei nicht mehr fragen: „geht das überhaupt“, sondern mithelfen, um „das Nötige“ durchzusetzen. Nguyen-Kim plädierte in einem Interview dafür, bestimmte wissenschaftliche Erkenntnisse zu sakralisieren, also eben nicht mehr als Wissenschaft zu behandeln, sondern als unberührbare Wahrheiten.

„In diese dieser Riege fügt sich auch die von der Kanzlerin gelobte und preisgekrönte Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim ein“, hieß es in dem Text, „die kürzlich in einem Interview mit RND meinte: ’Streiten können wir natürlich immer. Aber es wäre toll, wenn wir weniger über das diskutieren, was bereits als sichere wissenschaftliche Erkenntnis gilt.’ Vor der Relativitätstheorie galt die Ausschließlichkeit der Newton’schen Physik als sichere wissenschaftliche Erkenntnis, vor der modernen Medizin die Körpersäftelehre. Auch zur Notwendigkeit der Euthanasie gab es einmal einen breiten wissenschaftlichen Konsens, von dem Schweizer Sozialisten Auguste Forel bis zu amerikanischen Ärzten. Fast jede neue wissenschaftliche Erkenntnis entstand bei der Zertrümmerung einer alten, die einmal galt. Bis vor kurzem galt es übrigens auch als praktisch unerschütterbare Meinung, das SARS-Cov-2-Virus könnte unmöglich aus einem Labor stammen – und jede gegenteilige Vorstellung als irre Verschwörungstheorie.“

Nguyen-Kim kam nicht zum ersten Mal in einem Publico-Beitrag vor, sondern auch schon in dem Text „Ab ins fantastische Dritte Reich“. Darin ging es um die konzertierte Medienaktion von Tagesspiegel und anderen erregungsstarken Institutionen und Figuren gegen die Aktion „allesdichtmachen“, in der 53 Schauspieler die Corona-Maßnahmen der Regierung kritisierten und persiflierten. In dem Text hieß es:

„In der Sendung von Maybritt Illner wollte die Journalistin Mai Thi Nguyen-Kim eigentlich nicht über die Aktion #allesdichtmachen diskutieren, sie beklagte sich stattdessen, die Videos bekämen zu viel Aufmerksamkeit, und das sei ungut: ’Unsere Aufmerksamkeit ist begrenzt, sie ist eine kostbare Ressource. Wir belohnen medial diejenigen, die am lautesten schreien…Natürlich spaltet das am Ende irgendwie die Gesellschaft. Jetzt gerade können wir das gar nicht brauchen.’ In der Klima- und Rassismusdiskussion stellte ein bisschen Zuspitzung für diese Leute, die gern im Majestätsplural sprechen, bekanntlich kein Problem dar. Für die ZeroCovid-Aktion auch nicht. Kommen dann aber die Falschen, dann beuten sie rücksichtslos die kostbare Ressource Aufmerksamkeit aus, die wir von unseren demonstrierenden Klimakindern nur geborgt haben.
 Mai Thi Nguyen-Kims Ansicht, bei gesellschaftlicher Aufmerksamkeit handle es sich um eine Ressource, die am besten von guten Wächtern je nach Richtung und Thema zugeteilt und notfalls auch wieder entzogen werden müsste, ist von erschütternder Einfalt.“

Schon hier fand die Kritik außerordentlich unverhohlen statt. Nguyen-Kim gehört zu einer Kaste von Medienprominenten, die sich nicht als gleichberechtigte Teilnehmer einer allgemeinen Debatte sehen, in der erst einmal alles diskutiert werden kann, und das Argument sticht (oder auch nicht), sondern als Wächter, die Regeln für die Öffentlichkeit entwerfen. Bestimmte Thesen und Begriffe sollen nach ihrer Vorstellung von vorn herein aus der Debatte ferngehalten werden, um einen „Schaden“ an der Gesellschaft zu verhindern. Andere Thesen, die ihnen wichtig sind, müssen ihrer Meinung nach der Diskussion mit dem Argument entzogen werden, sie seien von ausreichend vielen richtigen Personen beglaubigt, und stünden deshalb nun einmal fest. Diese richtigen und wohlmeinenden Personen dürften auch keiner Kritik unterzogen werden, es dürfe eigentlich gar nicht nach ihrer Macht und ihrem Einfluss gefragt werden; ihnen Macht und Einflussnahme zu unterstellen sei bereits eine Verschwörungstheorie. Denn diese wohlmeinenden Personen wollen schließlich nichts für sich. Sie setzen nur das Nötige (Baerbock) durch, ihre Legitimation erhalten sie vom Klima, der Gerechtigkeit und ähnlichen Entitäten.

Das alles zusammengenommen ergibt ein orthodoxes Gesellschaftsverständnis, in der Kritik nicht nur falsch, sondern auch unnötig und sogar schädlich ist, schon deshalb, weil sie „die Aufmerksamkeit“ (Kim-Nguyen) vom Richtigen und Wichtigen ablenkt und die ansonsten eigentlich einige Gesellschaft spaltet.

Wer Publico verfolgt, der weiß, dass es in den Texten dieses Mediums immer wieder darum geht, diese Orthodoxie als postdemokratisch und autoritär bloßzustellen und ihre Exponenten einer bisweilen auch ätzenden und jedenfalls unverhohlenen Kritik zu unterziehen.

In die oben beschriebene Reihe gehört auch noch dieser Fernsehnachdenker, für den Menschen erst dann mündig sind, wenn sie sich im gleichem Takt mit ihm und anderen Wohlmeinenden bewegen.

Aus Sicht des Autors ist schon viel erreicht, wenn es dieser Priesterkaste nicht gelingt, die öffentlichen Gedankengänge völlig zu verstopfen.

Nun geht es aber, lieber Publico-Leser, um den zweiten Teil Ihres Satzes. Sie werfen mir wegen meiner Kritik an Nguyen-Kim eine „nicht mehr ganz latente Xenophobie“ vor. Xenophobie bezeichnet bekanntlich die Furcht vor dem Fremden beziehungsweise vor dem Feind (Xenos). Nguyen-Kim wurde 1987 in Heppenheim geboren, sie studierte Chemie in Mainz, absolvierte einen Forschungsaufenthalt am MIT und ist heute vor allem als Wissenschaftsjournalistin im ZDF und mit einer eigenen Medienplattform öffentlich präsent. Ich sehe Nguyen-Kims Aussagen anders als Sie. Aber ich wäre nie auf die Idee gekommen, sie – eine in Deutschland geborene und aufgewachsene Chemikerin und Journalistin, die in Deutschland arbeitet, als ‘Fremde’ wahrzunehmen. Sie, Herr M., tun das offenbar. Und Sie meinen, weil sie eine ‘Fremde’ ist, nämlich vietnamesische Wurzeln hat, dürfe sie auch nicht kritisiert werden, jedenfalls nicht unverhohlen. Sie finden also, Mai Thi Nguyen-Kim, eine meinungsfreudige Frau mit bestem Zugang zur Öffentlichkeit, bräuchte einen ganz besonderen Schutz davor, kritisiert zu werden, und beanspruchen für sie eine besondere Kategorie, eine Art safe space.

Wer von uns beiden, Thomas M., denkt eigentlich in rassistischen oder zumindest rassismusnahen Maßstäben? In meiner Kritik an Nguyen-Kims Äußerungen werden Sie nicht den Hauch eines Ressentiments gegen sie als Person finden. Schon gar keine Feindseligkeit. Ich würde sie mit keinem Jota anders kritisieren, wenn sie Lena Müller oder Richardine Precht heißen würde.

Etwas weiter oben in diesem Text ging es um die Vorstellung von einer passablen Gesellschaft. Meine ist die der Bürgergesellschaft, in der es Bürger gibt, ausgestattet mit gleichen Rechten, die ihre Meinungen zu annähernd gleichen Bedingungen öffentlich austauschen können. Ihre ideale Gesellschaft ist offenbar eine identitäre, in der es eigentlich keine Bürger, sondern nur verschiedene Identitätskollektive mit verschiedenen Rechten gibt. Interessanterweise hat Nguyen-Kim selbst bisher nicht behauptet, Kritik an ihren Ansichten wäre xenophob.

Ganz am Rand will ich noch erwähnen, dass mein Lebensgefährte aus Ostasien kommt. Mit ihm diskutiere ich die identitätspolitischen Wirrnisse westlicher Länder nicht, weil sie ihm unverständlich sind, und er – ziemlich lebenspraktisch veranlagt – es auch nicht der Mühe wert findet, in diese Debatten einzudringen.

Und ich stelle mir ab und zu auch die Frage nach dem Wert resp. dem „Redewert“ (Wolfgang Hildesheimer) und beklage manchmal ganz still für mich die Arbeit mit diesen zähen Gegenständen. Andererseits, Leute, die meinen, eine postdemokratische Gesellschaft mit gelenkten Debatten sei gut, und die finden, wer jemanden mit Einwanderungsgeschichte kritisiert, sei xenophob, völlig unabhängig von der Kritik, diese Leute bestimmen die Öffentlichkeit nach meinem Geschmack schon viel zu stark.

Wenn ich Sie, Thomas M., für einen nicht sehr luziden, aber dummerweise weit verbreiteten Typus halte, dann kritisiere ich übrigens kein Kollektiv, dem Sie möglicherweise angehören.
Ich meine nur Sie.

 

 

 

 

 

 

 


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