Pandemie-Pranger: Protest in Griechenland

In Athen wird für Proteste gegen die neuen Mutanten-Namen mobil gemacht.

Die besten Experten der WHO hatten lange geknobelt, ehe die Entscheidung fiel: Mit Wirkung vom 1. Juni wurden weltweit alle bisher bekannten Coronavirus-Varianten umgetauft. Die bisher benutzten Bezeichnungen wie “britische”, “spanische” oder “brasilianische” Variante dürfen seit dem nicht mehr benutzt werden. Vorgeschrieben sind nun völkerrechtlich Namen, die sich auf griechische Buchstaben stützen – eine Anti-Diskriminierungsmaßnahme, die weltweit umgehend umgesetzt wurde.  

Schlag gegen Corona-Diskriminierer

Als Vorbild für den Schlag gegen Corona-Diskriminierer und ihre oft teilweise rechtsextremen oder rechtsextremistischen Helfershelfer*Innen, die teilweise vom Verfassungsschutz beobachtet werden, diente die erfolgreiche Umtaufung des rassistischen “Weißrussland” in “Belorussland” und von Burma in das heutige Myanmardasfrühereburma. Auch die bisher als “indische Mutante” etwa vom Bundeswarnbeauftragten Karl Lauterbach popularisierte indische Variante des Corona-Erregers konnte so binnen weniger Tage vom Meinungsmarkt genommen werden. 

Nachdem die hektische Berichterstattung über das große Sterben in Indien, den Sauerstoffmangel und die 17 Sauerstoffgeräte, die die Bundeswehr zur Rettung der 1,34 Milliarden bedrohten Menschen eingeflogen hatte, zuvor schon beendet worden war, endete mit dem WHO-Beschluss auch die Existenz der bislang aggressivsten Corona-Mutation.

Umbenennung in Delta

Zur Rettung Indiens trug das entscheiden bei, wie die Zahlen der Johns-Hopkins-Universität. Seit der Umbenennung in “Delta-Variante”, teilweise auch diskriminierungsfrei “Delta-Mutante” (Deutschlandfunk) ist die auch als gefährliche Delta-Mutation gehandelte neue Corona-Form zwar dabei, Großbritanniens Impferfolge zunichtezumachen. Indien aber ist erlöst, es “rast einem Ende entgegen” (n-tv, allerdings mit einer Inzidenz von 60. 

Ein bemerkenswerter Erfolg der Bemühungen aller Staaten und Medien, Länder nicht zu stigmatisieren. Ausgerechnet Proteste in Griechenland aber lassen nun neue Fragen nach der Zukunft der neuen Namen der neuen Corona-Mutanten aufkommen. In Athen, auf Kreta und in Thessaloniki, aber auch in der großen griechischen Auslandsgemeinde regt sich nämlich seit dem WHO-Beschluss wachsender Protest gegen die Umbenennungsentscheidung. Griechen sprechen von einer diskriminierenden Entscheidung, von einer Wahl, die über ihre Köpfe hinweg getroffen worden sei. Und von einer Gefahr, dass Griechen nun überall auf der Welt für Corona verantwortlich gemacht werden könnten, was zu einer größeren Griechen*innenfeindlichkeit vor allem in besonders schwer von der Seuche betroffenen Gebieten wie der EU führen könnte.

Viele Griechen sind empört

Menschen in Griechenland seien empört, dass die verschiedenen Corona-Virusvarianten nun nicht mehr auf verschiedene Ländernamen getauft, sondern alle mit einem griechischen Namen ausgestattet würden, berichten Reporter aus Athen. Diese zwangsläufige Zuweisung nach den Buchstaben des griechischen Alphabets treffe Griechinnen und Griechen in aller Welt, denn sie seien es nun, die Stigmatisierung erleiden würden, weil Milliarden Menschen “Alpha”, “Beta”, “Gamma” und “Delta” nun einmal stets mit Griechenland assoziierten. Die für Einmischungen von außen traditionell sehr sensiblen Griechen sehen sich an den Pandemiepranger gestellt: Warum nutze man ein Alphabet, das weltweit nur von zwölf Millionen Menschen benutzt werde, für alle anderen aber eindeutig zu identifizieren sei? Warum nicht Chinesische Buchstaben, davon gebe es genug? Oder Namen in der Kunstsprache Esperanto, die niemand spreche?

Die Aufregung ist kaum verwunderlich, doch wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) mitteilte, stehe sie zu ihrer Entscheidung, Varianten, die als “besorgniserregend” oder als “von Interesse” eingestuft worden sind, nach Reihenfolge ihrer Entdeckung mit griechischen Buchstaben zu benennen. Griechisch sei die Sprache der Medizin, hieß es in New York,, wohl bezogen auf Latein. 

Arabische Zahlen hätte diskriminiert

Der Vorschlag, stattdessen Zahlen zu benutzen, sei nicht umsetzbar gewesen, um nicht Vorurteile gegen Arabisch-Sprecher in aller Welt zu schüren. Die neuen griechischen Buchstaben-Namen sollten deshalb “konsequent angewendet” werden, empfiehlt die Wissenschaftsorganisation. Das werde auf Dauer “in der öffentlichen Diskussion helfen”, sagte Maria Van Kerkhove von der WHO. Zur Systematik sei die Entscheidung getroffen worden, die Namen in der Reihenfolge der Entdeckung der Mutationen zu vergeben. So wird aus der britischen Variante die “früher als britische Variante bekannte Alpha”, aus der südafrikanischen wird “die ehemals südafrikanisch genannte Variante Beta”, aus der brasilianischen “wird brasilianische Gamma-Mutante” und aus der indischen wird nun “die indische Delta-Mutation”.

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