Totenkammer EU: Wir Weltrekordler

Schade, schade, schade. Jetzt, wo es endlich mal passen würde, fehlt die Infrastruktur, die aufzubauen so lange und so erfolgreich vermieden worden war. Dass EU-Europa, eine Weltmacht nicht nur im moralischen Sinne sondern auch im bürokratischen, es über mehr als ein Jahr tunlichst vermied, sich sein eigenes Corona-Schicksal mit statistischen Zahlen vor Augen zu führen, hatte lange große Vorteile. 440 Millionen EU-Bürger lebten statistisch gesehen auch in der schlimmsten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg in der besten aller denkbaren Welten.

Klage über die Toten der anderen

Mediale Trauer kam auf, als in den USA der 500.000 Corona-Tote beklagt werden musste. Das eigene Jubiläum zur halben Million aber konnte die EU aufrecht und ungebeugt verpassen, denn zwar zählt und überwacht Brüssel den Bleistiftverbrauch in europäischen Behörden, um das Graphitproblem zu monitoren. Nicht aber die Zahl der EU-Bürgerinnen und Bürger, die in der besten aller Staatengemeinschaften an der Seuche sterben.

Der Vorteil der Strategie: Man muss nicht schwindeln, um gut dazustehen, auf dass die Menschen gute Laune haben. Der Nachteil: Wird die Laune zu früh zu gut, fehlt ein Zahlensalat als Beilage für den Angstgulasch. Und nie war der so wertvoll wie heute, in Tagen, in denen die Mutanten umgehen, die Coronakarten immer röter werden und den Bundländerkanzlerinnenrunden seit der legendären Osterruhe keine Eindämmungsmaßnahme mehr kam, die es anschließend über die Talkshow-Mühle hinaus schaffte.

Eine europäische Seuche

Wie hilfreich wäre es doch nun, wo das RKI schon sinkende Infektionszahlen schon in der zweiten Woche mit “Meldungsverzögerungen wegen Ostern” (Tagesschau) begründen muss,  das wahre Ausmaß einer Katastrophe anhand von Zahlen zeigen zu können, die belegen, dass Corona zuallererst eine europäische Seuche ist? Mehr als eine Million Menschen starben hier seit Beginn der Pandemie, hat die französische Nachrichtenagentur jetzt eigenständig anhand der Angaben von europäischen Behördenangaben. Europa ist damit die Region mit der höchsten Opferzahl, erst danach folgen Lateinamerika mit derzeit 832.577 Todesopfern und Nordamerika mit 585.428.

Zwar umfasst die Zählung der Nachrichtenagentur alle 52 europäischen Staaten, darunter auch Russland und das aus der EU ausgetretene Großbritannien. Doch 650.000 Corona-Tote hatten einen EU-Pass, sie waren Bürgerinnen oder Bürger der Wertegemeinschaft, die damit den unangefochtenen Weltrekord hält: Nirgendwo sonst auf der Welt hat das Covid-Virus so reiche Ernte gehalten wie dort, wo die Vorbereitung nahezu perfekt war, die gemeinsame Strategie eine feste Burg, das damals noch größte Rettungspaket am schnellsten verabschiedet und die Zahl der koordinierenden Corona-Versammlungen höchster Verantwortungsträger am höchsten. 

Katastrophenlage in der Totenkammer

Lange war es wichtig und deshalb richtig, diese Daten nicht zu erheben, so dass niemand sie verbreiten musste. Nun aber, wo die Fernsehsender schon damit aufgehört haben, die täglichen Todeszahlen zu melden, weil die irritierenderweise nicht mehr im Gleichschritt mit den Infektionszahlen marschieren, wären Schreckenszahlen über die Katastrophenlage in der globalen Totenkammer EU hilfreich, um noch eine letzte oder gar allerletzte Brücke in eine bessere #NoCovid-Welt zu bauen. Doch die Zahlen fehlen, die Statistik ist nicht da und vielleicht auch das Vertrauen in die Bürgerinnen und Bürger nicht, sich aus der Illusion eines Lebens in der besten aller Betreuungswelten wecken zu lassen und sich wiederzufinden im ersten und letzten Frontgebiet des Pandemiekampfes.

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