Was wussten die Deutschen?

WAS WUSSTEN DIE DEUTSCHEN?

von Prof. Dr. Alfred de Zayas

76 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und 74 Jahre nach Verkündung des Nürnberger Urteils bleibt der Holocaust ein kaum zu begreifendes Megaverbrechen, einzigartig im Nihilismus, in der missionsartigen Durchführung, in den Mechanismen der Tarnung und Geheimhaltung, schließlich in seiner Bedeutung für die deutsche Identität und seinen Implikationen über das deutsche Problem hinaus.

Eine Anzahl Studien ist darüber veröffentlicht worden, jedoch erweisen sie sich in mancherlei Hinsicht als unbefriedigend, da wichtige Fragen nicht gestellt, ungenügend untersucht oder anachronistisch interpretiert werden. Besonders umstritten ist die Frage des „Wissens“ bei den Beamten, Soldaten, bei der Bevölkerung. War der Holocaust ein „offenes Geheimnis“, wie manche Historiker postulieren?

Alle Erwachsenen, die 1933–1945 im Reich lebten, wussten, dass das Regime eine virulente antijüdische Haltung vertrat, die im Gefolge der „Machtergreifung“ offen und gewaltsam hervortrat. Die Nürnberger Gesetze von 1935 waren bekannt; viele wurden Zeugen der Reichskristallnacht vom 9. November 1938. Viele hörten die drohende Rede Hitlers vom 30. Januar 1939. Muss der Historiker daraus folgern, dass der Durchschnittsdeutsche auch über die „Endlösung“ Bescheid wusste, oder dass er damit einverstanden war? Beinhaltet das Wissen, dass das Regime antijüdisch gesinnt war, auch notwendigerweise das Wissen von den Ungeheuerlichkeiten, die sich in den Jahren 1941–45 vor allem in Territorien außerhalb des Reichs ereignet haben? Im Laufe des Krieges hat eine Anzahl Deutscher zweifellos von Mosaiksteinen des Horrors erfahren. Aber die gelegentliche Beobachtung, dass jüdische Mitbürger einen gelben Stern trugen oder dass während des Krieges jüdische Mitbürger abgeholt wurden, ist etwas wesentlich anderes als das Wissen, dass ein Plan vorlag, diese Menschen zu ermorden. Man muss sich in die Zeit versetzen. Das Leben im Reich – unter ständigen Bombardierungen aus der Luft und durch andere Gefahren und Denunziantentum erschwert – war mit schweren Sorgen belastet. Jede Familie hatte Angehörige an der Front. Wie hoch war die Bereitschaft, auf Indizien zu reagieren? War eine psychologische Fähigkeit, diese Indizien zu erkennen, überhaupt vorhanden?

Zur Verdeutlichung des Problems: In Amerika wurden etwa 120.000 Nachbarn japanischer Herkunft und etwa 30.000 Menschen deutscher und italienischer Abstammung von ihren Häusern abgeholt und in diverse Lager in Amerika abtransportiert, wo sie viele Internierungsjahre verbrachten. Es war unmenschlich, sogar gesetzwidrig, aber kein Amerikaner, der mitangesehen hat, dass sein Nachbar abgeholt wurde, kein Amerikaner, der die Züge oder Busse gesehen hat, hat jemals gedacht, dass diese Menschen ermordet werden könnten. Man müsste schon paranoid oder verrückt sein, um zu vermuten, dass der Abtransport von Menschen in Lager mit Völkermord gleichzusetzen sei. Jeder in Amerika hat gedacht, dass die Japaner und Deutsche aus Gründen der nationalen Sicherheit irgendwohin gebracht werden sollten. Nun waren die Vereinigten Staaten in den 40er Jahren eine verhältnismäßig offene Demokratie, wo man hätte protestieren können, jedoch haben nur wenige Amerikaner jemals nach dem Wohlergehen der Deportierten gefragt.  Keiner macht die amerikanische Bevölkerung für dieses Versäumnis oder für den mangelnden Widerstand verantwortlich. Zum Vergleich war Deutschland keine Demokratie sondern eine totalitäre Diktatur, wo Kritik, insbesondere alles, was als „Wehrkraftzersetzung“ galt, mit Gefängnis, Zuchthaus oder KZ, ja mit dem Tod bestraft wurde, so wie in allen Zwangsregimes, wo die Bevölkerung eingeschüchtert ist, und nur wenige es wagen nachzufragen.

Einige Deutsche, die Kenntnis über den Holocaust erlangten, befanden sich bereits in Opposition oder gingen gerade deshalb in den Widerstand. Ein wichtiges Zeugnis des „Wissens“ stammt von Helmuth James Graf von Moltke, der im Amt Ausland/Abwehr bei Admiral Canaris arbeitete. Auch wenn man vermuten könnte, dass Moltke wegen seiner dienstlichen Position sehr viel mehr hätte wissen müssen, scheint auch er nur Bruchteile des Horrors erfahren zu haben. In einem Brief an seinen Freund, Professor Lionel Curtis von All Souls College, Oxford, datiert vom 25. März 1943 – also zu einem Zeitpunkt, in dem die Massenmorde in den Vernichtungslagern schon etwa ein Jahr in Gang waren, bringt Moltke sein Entsetzen über die Morde zum Ausdruck:

„Selbst in Deutschland wissen die Menschen nicht, was vor sich geht. Ich glaube, dass mindestens neun Zehntel der Bevölkerung nicht weiß, dass wir Hunderttausende von Juden ermordet haben. Sie glauben immer noch, dass die Juden abgesondert irgendwo ein Leben führen, genauso wie früher auch, nur etwas weiter im Osten … vielleicht etwas ärmlicher, aber ohne Luftangriffe. Wenn Sie diesen Menschen sagen würden, was wirklich geschehen ist, würden sie antworten: Sie sind halt ein Opfer der britischen Propaganda: Erinnern Sie sich doch nur einmal, welch lächerliche Dinge [gemeint sind ‚abgehackte Kinderhände‘] die Briten über unser Vorgehen in Belgien 1914 bis 1918 abgesondert haben“.

Weiter berichtet Moltke im Brief:

„Wir haben vom Bau eines großen Konzentrationslagers in Oberschlesien gehört, welches für 40–50000 Personen angelegt ist, von denen monatlich 3–4000 getötet werden sollen. Aber selbst ich bekomme alle diese Informationen nur in recht vager, undeutlicher und ungenauer Form, obwohl ich mich ja bemühe, so etwas herauszufinden.“

Bereits in den 70er Jahren begann ich, in der Zentralstelle der Landesjustizverwaltungen in Ludwigsburg und im Bundesarchiv nach Indizien und Beweise zu suchen. Ich befragte Zeitzeugen, u.a. Holocaust Überlebende, Widerstandskämpfer, aber auch Wehrmachtsoldaten, Diplomaten, und Beamte. Sehr aufschlussreich war etwa ein Interview mit Botschafter a.D. Dr. Werner von Hentig, der Kenntnis von Judenerschießungen der SS in Nikolajew erhalten hatte. 1975–79 leitete ich ein DFG-Projekt am Institut für Völkerrecht der Universität Göttingen mit der Aufgabe, 226 Aktenbände der Wehrmacht Untersuchungsstelle für Verletzungen des Völkerrechts (eine Behörde in der Wehrmachtrechtsabteilung) auszuwerten. Zwei Arbeitstagungen in Göttingen und Köln wurden in 1977 und 1978 gehalten, in denen auch das Wissen, Wissen-können, und Wissen-wollen der „Endlösung“ erörtert wurde, mit dem Ergebnis, das man generell erkannte, dass die Geheimhaltung weitgehend erfolgreich gewesen war, auch wenn es zugegebenermaßen Gerüchte, Feldpostbriefe, und Auslandssender gab.

Nürnberger, Auschwitz und Treblinka  Prozesse

Was belegen die Nürnberger Akten über das „Wissen“ bei den Beamten, Soldaten, der Bevölkerung, den Opfern? Man erfährt, dass die „Endlösung“ geheime Reichssache war. Wie erfolgreich war die Geheimhaltung? Es gab aber immerhin Gerüchte, Feldpostbriefe, ausländische Radiosendungen. Wie viele Menschen haben gewusst und was haben sie getan, bzw. tun können? In den NS-Prozessen bemühte sich die Anklage, festzustellen, wer, was, wann und wieviel wusste. Tausende SS- und Wehrmacht-Dokumente, Akten des Innenministeriums, Auswärtigen Amtes wurden dem Gericht vorgelegt. Die Akten enthalten auch die Antworten von Zeitzeugen, belasteten und unbelasteten. Ihre Zeugnisse wurden von der Anklage und Verteidigung hinterfragt. Das Gericht versuchte, den Kreis der Wissenden zu beweisen, jedoch wurde dies nur bei wenigen in den Urteilen festgehalten. Die Ergebnisse meiner eigenen Forschung decken sich mit dem Votum des amerikanischen Richters Leon Powers im XI. Nachfolgeprozess (Wilhelmstrassen-Prozess):

„Das Beweismaterial hat gezeigt, dass das Ausrottungsprogramm unter strengster Geheimhaltung gehandhabt wurde. Hitler wies Himmler mündlich an und befahl ihm, die Aktion anlaufen zu lassen. Himmler suchte sich die Leute sorgfältig aus, die mit ihm arbeiten und die Ausrottungen durchführen sollten und verpflichtete sie zur Geheimhaltung; abgelegene Orte wurden ausgesucht und wurden dadurch getarnt, dass man sie mit nahegelegenen Arbeitslagern identifizierte, und der Plan wurde mit dem bestimmten Zweck und Vorsatz durchgeführt, vor dem deutschen Volk und allen, die nichts mit dem Unternehmen zu tun hatten, die Vorgänge zu verbergen.”. 

Einige Historiker behaupten trotzdem, dass man „hätte wissen müssen“.

Es lohnt sich, dazu einige Nürnberg-Dokumente in Erinnerung zu bringen, so die Posener Rede Heinrich Himmlers vom 4. Oktober 1943 an SS-Eingeweihten. Er sprach über das, was er als „Judenevakuierung“ bezeichnete:

„Unter uns soll es einmal ganz offen ausgesprochen sein, und trotzdem werden wir in der Öffentlichkeit nie darüber reden.… Es gehört zu den Dingen, die man leicht ausspricht – ‚das jüdische Volk wird ausgerottet‘ … Und dann kommen sie alle an, die braven 80 Millionen Deutschen, und jeder hat seinen anständigen Juden… Von allen, die so reden, hat keiner zugesehen, keiner hat es durchgestanden. Von Euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammen liegen, wenn 500 daliegen oder wenn 1000 daliegen. Dies durchgehalten zu haben, und dabei – abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwächen – anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht. Dies ist ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte…“

So makaber wie abstrus in Denkweise und Diktion hat die Rede allerdings weitreichende Implikationen. Es geht daraus hervor, dass Himmler wusste, dass der Durchschnittdeutsche „seinen anständigen Juden“ hatte. Deshalb auch die Notwendigkeit der Geheimhaltung. Keiner sollte von den Morden erfahren, nur diejenigen, die unmittelbar mit der Vernichtung zu tun hatten. Derjenige der etwas wusste, durfte nichts davon weiter erzählen. Derjenige, der durch Zufall etwas erfuhr, durfte nicht weiter fragen, denn  Führerbefehl Nr. 1 vom 11. Januar 1940 stipulierte:

„a) Niemand soll Kenntnis haben von geheimen Dingen, die nicht in seinen eigenen Aufgabenbereich gehören.
b) Niemand soll mehr erfahren, als er zur Erfüllung der ihm gestellten Aufgabe wissen muss.
c) Niemand soll früher Kenntnis erhalten, als es für die ihm gestellten Obliegenheiten notwendig ist.
d) Niemand darf mehr oder früher geheim zuhaltende Aufträge an nachgeordnete Stellen weitergeben, als dies zur Erreichung des Zwecks unvermeidlich ist.“

Aus der Posener Rede geht hervor, dass Himmler nicht einmal seiner SS traute. Im zweiten Treblinka Prozess 1965 erfuhr das Gericht, dass, im Jahre 1943, als sich etwa zweihundert SS-Leute zur Front melden wollten, weil sie die seelische Belastung der Judenmorde nicht mehr aushielten – es war sogar zu vielen Selbstmorden gekommen – Himmler dies wegen der Geheimhaltung ablehnte:

„Ich kann es nicht zulassen, dass der Kreis der wenigen SS-Führer, die in diese Aufgabe hineingezogen sind und die deshalb auch diese Dinge völlig für sich allein tragen müssen, durch dauernde Frontversetzungen und Veränderungen erweitert und verändert wird. Die Geheimhaltung ist in diesem Fall das Entscheidende… Wir können heute diesen Schritt selbst dem Führerkorps der SS noch nicht geschichtlich begründen. Sie würden manches nicht verstehen und nur die Tatsachen an sich werten. Erst ein weiter Abstand zu diesen Dingen, vielleicht erst nach Jahrzehnten, vielleicht erst nach einer Zeit der schärfsten Diffamierung dieser Tat wird den Standpunkt gewinnen, der für die Notwendigkeit dieser Aufgabe allein richtig ist.“

Die Nürnberger Akten belegen den konsequenten Versuch der NS-Regierung, die Wahrheit gegenüber den Juden, den Deutschen und der Weltöffentlichkeit zu verbergen. Die Angeklagten behaupteten, über den Holocaust „nichts gewusst“ zu haben. War dies nur eine Zweckbehauptung? Haben alle gelogen, oder nur einige? Kann man die Behauptung mit Beweisen entgegentreten? Unter den Hauptangeklagten in Nürnberg erklärte Großadmiral Karl Dönitz, über die KZs und Internierungslager aber nichts über die Vernichtungslager gewusst zu haben:

„Ich habe, und mit mir die ganze Kriegsmarine, das ist meine Überzeugung, von der Menschenvernichtung, die mir hier durch die Anklageschrift, beziehungsweise was die Konzentrationslager anbelangt, nach der Kapitulation im Mai 1945 bekanntgeworden ist, nichts gewusst.“

Vielleicht erscheint die Haltung von Dönitz für den Leser im Jahre 2011 erstaunlich oder unglaubwürdig. Aber was ist unwahrscheinlicher als die Tatsache, dass die deutsche Gestapo in Lublin es war, die im Jahre 1943 die Morde in Lublin-Majdanek entdeckte und um Aufklärung der Morde ersuchte? Dann ermittelte ein mit der Untersuchung von Korruptionsfällen beauftragter SS-Richter, Dr. Georg Konrad Morgen. Er leitete Verfahren gegen SS-Führer u.a. Untersturmführer Maximilian Grabner, Sturmbannführer Rudolf Höss und Obersturmbannführer Adolf Eichmann ein. Wie erklärt sich diese Schizophrenie?

Am 7. und 8. August 1946 sagte Morgen vor den Nürnberger Richtern aus:

„Ich berichtete als erstem meinem unmittelbaren Vorgesetzten, dem SS-Gruppenführer Nebe, als Chef des RKPA. Nebe war ein außerordentlich schweigsamer Mann, aber man sah, wie ihm bei meinem Bericht buchstäblich die Haare zu Berge standen. Sein Schweigen wurde steinern. Er sagte, ich müsse sofort diese Sache Kaltenbrunner vortragen. Der Chef des Hauptamtes SS-Gericht, Obergruppenführer Breithaupt, war ebenfalls in außerordentlicher Erregung, und sagte, er werde sofort oder alsbald zu Himmler fahren…“

Auf die Frage von Dr. Pelckmann (Verteidiger für die SS), „Haben Sie diese Dinge noch anderen Kreisen der SS mitgeteilt?“,  antwortete Morgen: „Nein, mir kam es darauf an, die Leute zu unterrichten und für meine Auffassung zu gewissen, die wirklich etwas zu sagen hatten…Außerdem war ich durch den Grundbefehl Nummer 1 über Geheimhaltung staatswichtiger Sachen gebunden, konnte mich also nur an die Hauptamtschefs persönlich wenden. Jeder Fehler, der mir unterlaufen wäre bei Einbeziehung anderer Stellen, hätte schwerste Folgen gegen mich gehabt, einen Vorwand meinen Feinden gegeben und damit die Untersuchungen in die Länge gezogen… außer dem Hauptamtschef der SS wurde sonst niemand unterrichtet .“

Auf die Frage Pelckmanns: „Haben Sie es nicht für Ihre Pflicht gehalten, die Weltöffentlichkeit zu benachrichtigen oder irgendwie Ihrem Gewissen Luft zu machen, zu schreien ‚Mord‘?“ antwortete Morgen: „Dazu hätte es des Zuganges zu den technischen Mitteln bedurft, nämlich Presse und Rundfunk, die ich nicht hatte. Wenn ich das an jeder Straßenecke bekanntgegeben hätte, dann hätte mir das niemand geglaubt, weil dieses System die menschliche Fassungskraft übersteigt. Man hätte mich als Irrsinnigen eingesperrt.“

In einem Affidavit vom 13. Juli 1946 stellte Morgen fest: „Aus persönlichem Vortrag habe ich später ersehen, dass von den geschilderten Vorgängen selbst Hauptamtschefs der SS keine Ahnung hatten. Wie der Chef des Hauptamtes SS-Gericht, SS-Obergruppenführer Breithaupt, und mein letzter Gerichtsherr nach meiner Versetzung, der Chef des Rasse- und Siedlungshauptamtes, SS-Obergruppenführer Hildebrandt. Erst recht konnten wegen der unheimlichen Technik andere SS-Angehörige geringeren Dienstgrades, die örtlichen Stapostellen und erst gar nicht die Truppe und die Bevölkerung [davon] erfahren.“

Morgen wurde auch zeuge im Pohl Prozess (Fall IV) und im Frankfurter Auschwitz-Prozess. Am 9. März 1964 beschrieb er die Tarnpraktiken und den Versuch, selbst die jüdischen Opfern zu täuschen: „Die Rampe sah aus wie jede andere Rampe auf einem Güterbahnhof auch. Es war nichts Besonderes daran festzustellen…Die Ankömmlinge mussten aussteigen und ihr Gepäck absetzen. Männer und Frauen mussten sich getrennt aufstellen…Rabbiner und sonstige bedeutende jüdische Persönlichkeiten wurden sofort ausgesondert, ins Lager gebracht, in eine Baracke, die sie für sich hatten. Ich habe sie später gesehen, es stimmte. Gut gehalten, sie brauchten nicht zu arbeiten, es wurde erwartet, dass sie möglichst viele Briefe und Postkartengrüße in alle Welt von Auschwitz schickten, um damit von vornherein jeden Verdacht, dass hier irgend so etwas Gräuliches vor sich gehe, zu zerstreuen.“

Hat Morgen in Nürnberg und Frankfurt einfach nur gelogen? Nach dem Krieg wurde Morgen entnazifiziert und als „Entlasteter“ eingestuft; er arbeitete als Rechtsanwalt in Frankfurt a.M. bis zu seinem Tode im Jahre 1982. Seine Aussagen wurden durch die verschiedenen Anklagebehörden nicht widerlegt, und die Versuche mancher Autoren, u.a. von Holocaust-Leugnern, seine Glaubwürdigkeit zu erschüttern, sind fragwürdig. Solange eindeutige Belege fehlen, muss sich jeder Historiker, der sich mit dem Holocaust beschäftigt, – durchaus in kritischer Distanz – mit der Tätigkeit morgens auseinandersetzen.

Die Geheimhaltung im NS-Staat galt für alle:  für die SS, für die Wehrmacht und auch für höhere Regierungsfunktionäre, z.B. den Leiter des Nachrichtenwesens in der Presseabteilung des Reichspropagandaministeriums Hans Fritzsche, der im Nürnberger Prozess angeklagt, jedoch in allen Anklagepunkten freigesprochen wurde.  Am 28. Juni 1946 erklärte er: „Ich bin als ein Journalist, der in jener Zeit gearbeitet hat, der festen Überzeugung, das deutsche Volk kannte den Massenmord an den Juden nicht; was auch immer an Behauptungen aufgestellt wurde, das waren Gerüchte, und was an Nachrichten in das deutsche Volk hineindrang von außen, das wurde amtlich immer und immer wieder dementiert… an einen Fall erinnere ich mich mit besonderer Deutlichkeit. Es war der Augenblick, als von russischer Seite nach der Wiedereroberung von Charkow dort ein Prozess veranstaltet wurde, in dem zum ersten Mal gesprochen wurde von Tötung mit Gas. Ich lief mit diesen Berichten zu Dr. Goebbels und fragte ihn, wie es damit stünde. Er erklärte, er wolle die Sache untersuchen, er wolle sie mit Himmler besprechen und mit Hitler. Am nächsten Tage kündigte er mir ein Dementi an.… Ganz ausdrücklich aber ist mir von Dr. Goebbels erklärt worden: Die Gaswagen, die in dem russischen Prozess erwähnt worden wären, wären ein reines Produkt der Phantasie, es gäbe keine tatsächliche Unterlage dafür.  Nicht umsonst wurden die an der Durchführung des Mordes Beteiligten unter den Befehl des strengsten Stillschweigens gestellt. Hätte das deutsche Volk von dem Massenmord erfahren, es hätte Hitler sicher die Gefolgschaft versagt.“

In seinen Memoiren kommentiert Fritzsche die Nürnberger Aussagen Morgens wie folgt: Fast zum Schluss der Beweisaufnahme fanden sich zwei Zeugen, die zwar nicht das Rätsel des geheimen Massenmordes lösten, aber doch den Weg zeigten, auf dem es gelöst werden konnte. Es waren die SS-Richter Reinecke und Morgen… Unter atemloser Stille schilderte der Zeuge, wie er den Fäden nachging, die ihm in die Finger fielen. Er stieß auf ein Lager, in dem man den Mord nicht einzeln und nach sorgfältiger Listenfälschung, sondern serienweise und systematisch betrieb… Es war Birkenau bei Auschwitz… Eine oberflächliche Untersuchung schied Arbeitsfähige von ‚Unbrauchbaren‘. Die letzteren wurden…von Wachleuten in SS-Uniform empfangen und zum Lager geleitet. Glaubensgenossen begrüßten die Ankömmlinge und übernahmen ihre weitere Betreuung … Freundlich sagte man den ‚Neuen‘, dass vor ihrer Einweisung in die Wohnräume ein gründliches Bad und eine korrekte Desinfektion aller Sachen notwendig sei. Ohne Widerspruch entkleideten sich die Ahnungslosen. Ordentlich hängten sie ihre Kleider in Kolonnen von Garderobenhaken … Erst seit dem Tage, an dem Morgen auftrat, hatte ich das Gefühl, bei der Beteuerung meiner Unkenntnis vom Massenmord nicht gegen sämtliche Grundgesetze der menschlichen Logik zu verstoßen.“

Noch ein weiteres Zeugnis des Nicht-Wissens lieferte in Nürnberg schließlich ein Unbelasteter, der ehemalige sozialdemokratische  Preußische Innenminister Carl Severing am 21. Mai 1946:

„Von diesen Massenmorden, die erst nach dem Zusammenbruch des Hitler-Regimes in Deutschland bekannt wurden, teils durch Presseveröffentlichungen, teils durch Prozessverhandlungen, habe ich nichts gewusst.“

Der amerikanische Gerichtspsychologe Gustave Gilbert hat alle Angeklagten und viele Zeugen ein ganzes Jahr beobachtet, studiert, befragt und hinterfragt. In seinem „Nürnberger Tagebuch“ hat er viele Angeklagten wie Göring, Frank, Rosenberg und Kaltenbrunner als unglaubwürdig und zynisch bezeichnet.  Die Beteuerungen Fritsches, Dönitz und Jodls, nichts über den Massenmord gewusst zu haben, hat Gilbert aber nach allen Anschein als glaubwürdig betrachtet.

Eine Reihe neuere Publikationen über die “Endlösung“ leidet an fundamentalen methodischen Fehlern.  Das Hauptproblem liegt vielleicht in der Selektivität bei der Auswahl der Quellen bzw. im bewussten oder unbewussten Ausklammern von wichtigen Dokumenten, die auf andere Deutungsmöglichkeiten hinweisen, Quellenkritik ist oft mangelhaft wenn nicht willkürlich. Ein weiteres Problem liegt darin, dass manche Autoren zu mutmaßlichen Ergebnissen durch Extrapolieren kommen. Gewiss gibt es Feldpostbriefe, die über Aspekte der Endlösung berichten, gewiss gibt es Gestapo-Stimmungsberichte, die zeigen, wie sich manche Gerüchte in der Bevölkerung verbreiteten, es gibt auch Abhörprotokolle von deutschen Kriegsgefangenen, die über Verbrechen berichten. Hier ist aber Vorsicht geboten, zur Vermeidung unzulässiger Verallgemeinerung. Wie zahlreich waren die Indizien, wie repräsentativ? Hundert Beispiele sind noch keine tausend. Gerade aus der geringen prozentuellen Anzahl könnte gefolgert werden, dass die Mehrheit der Bevölkerung eben nichts oder sehr wenig wusste. Außerdem belegen Gestapo-Stimmungsberichte und selbst die Goebbels Tagebücher, wie oft die deutsche Bevölkerung die anti-jüdische Maßnahmen missbilligte, z.B. die Reichskristallnacht und die Einführung des Judensternes.

Einige Historiker, so der kanadische Holocaust-Experte Michael Marrus, haben auf die Problematik hingewiesen, geschichtliche Vorgänge von der heutigen Perspektive, also anachronistisch zu bewerten. Marrus schreibt in seinem Buch The Holocaust in History: „Es besteht eine große Gefahr, dass der Historiker die  Maßstäbe, Werte und Gesichtspunkte der Gegenwart auf die historischen Ereignisse anwendet, anstatt jene der Periode, die er untersucht.…Diese Versuchung stellt die für Historiker spezifische Form von Hybris dar… Es besteht eine starke Tendenz in der Geschichtsschreibung bezüglich der Umstehenden des Holocausts, sie einfach zu verurteilen anstatt zu erklären, was geschah. Und obwohl  Meinungen über das Maß des von Historikern auszuübenden Urteilens auseinandergehen, möchte ich vorschlagen, dass wir uns viel mehr bemühen sollten, das Verhalten und die Aktivität (oder Passivität) der Umstehenden zu verstehen, indem  wir ernsthaft versuchen, uns in ihre geistige Lage und ihr Empfindungsvermögen zu versetzen… „

Unseriös und undifferenziert erscheinen die Darstellungen mancher Autoren wie Daniel Goldhagen, wonach die Deutschen „Hitlers willige Vollstrecker“ gewesen seien. Vertreter dieser Schule verurteilen pauschal und erklären nichts. Sie selektieren ihre Fakten und ignorieren, was ihnen nicht ins Konzept passt, so z.B. relevante Quellen von jüdischen Zeitzeugen, etwa die Tagebücher von Victor Klemperer, dessen Urteil über die Haltung der deutschen Bevölkerung differenzierter als das mancher Fachhistoriker erscheint. Als Opfer der Nazis verurteilte er die Verbrechen der Täter – aber war sorgsam, nicht das allgemeine Wissen über den Holocaust vorauszusetzen und nicht alle Deutschen vorweg zu verdammen. So schreibt er in seinem Tagebuch am 4. Oktober 1941:

„Fraglos empfindet das Volk die Judenverfolgung als Sünde“.

Ein weiteres Problem der Methodik liegt darin, sich lediglich auf Akten zu stützen und Zeitzeugen unberücksichtigt zu lassen. Die Maxime quod non est in actis non est in mundo überzeugt aber nicht, denn die Akten erzählen nur ein Teil der Geschichte. Außerdem kann man Akten durchaus falsch interpretieren, z.B. wenn sie unvollständig sind, oder wenn man den Kontext nicht in allen Verwicklungen und Nuancen versteht. Außerdem hinterlassen manche Ereignisse – z.B. Staatsgeheimnisse – oft keine Spuren. Auch wenn man die Erinnerungen von Zeitzeugen cum grano salis auslegen muss, liefert die alleinige Auswertung von Akten kein ausreichendes Bild einer Epoche. Wenn der Historiker vermutet, dass Zeitzeugen irren, dass die Nürnberger Aussagen und Plädoyers verlogen sind, dass die Verteidigung in NS-Prozessen nur auf Zweckbehauptungen basieren, so sollte er genau präzisieren, was nicht stimmt und warum. Skeptisch kann er bleiben; er soll die Aussagen  im Zusammenhang und im Lichte anderer Dokumente testen. Aber er darf sie nicht einfach außer Acht lassen.

Bei der Frage nach dem „Wissen“ ist das ZEIT-Forum vom 3. März 1995 einschlägig. An der Disputation hat Altbundeskanzler Helmut Schmidt teilgenommen, der versicherte, dass er als Luftwaffenoffizier in verschiedenen Stäben „von der Vernichtung der Juden überhaupt nichts gewusst und gehört“ hatte. „Ich habe nach meiner Erinnerung nicht einmal Menschen mit einem gelben Stern gesehen.“ Auch die 2002 verstorbene Zeitherausgeberin Marion Gräfin Dönhoff beteuerte, während des Krieges auch nichts davon gewusst zu haben, obwohl sie „gute Verbindungen zu vielen Leuten hatte, die in Schlüsselstellungen standen. Die Notwendigkeit zur Geheimhaltung aber war unheimlich groß. Insofern habe ich …den Namen Auschwitz zum ersten Mal nach dem Krieg gehört.“

Die jüngsten Versuche mancher Historiker, ein breites Wissen bei der Bevölkerung zu postulieren, überzeugen nicht. Jedoch besteht die Gefahr, dass je länger der Krieg zurückliegt, es umso leichter wird, Pauschalierungen und Karikaturen als geschichtliche Wahrheit zu präsentieren, denn die Zeitzeugen sind nicht mehr da, um zu widersprechen. Jedenfalls wird die „Bewältigung“ des Themas durch die sog. Kollektivschuldthese und durch die geistige Bequemlichkeit mancher Zeitgenossen erschwert. Eine umfassende wissenschaftliche Ausarbeitung gehört nicht allein in die Hände von Historikern, sondern auch von Juristen, Soziologen und Psychologen. Vor allem müssen die Mechanismen der Geheimhaltung auch bezüglich des Völkermords an den Armeniern und bei anderen Genozide gründlicher Untersucht werden. Eine sachgerechte Bewertung steht noch an den Anfängen. Der Zusammenhang zwischen Geheimhaltung und Negationismus soll auch weiter untersucht werden.

Zum Autor:
Professor Dr. iur. et phil. Alfred de Zayas ist Professor für Völkerrecht an der Geneva School of Diplomacy und war in hohen Funktionen für die Vereinten Nationen im Sekretariat für Menschenrechte tätig.

Alfred de Zayas ist Autor vieler Publikationen, wie auch des Buches Völkermord als Staatsgeheimnis  erschienen im Olzog Verlag, München 2011 – : Sein Artikel „Was wussten die Deutschen“ stellt eine Zusammenfassung von Kernaussagen aus jener Publikation dar.

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