Dringend gesucht: Der Kommentator ohne Eigenschaften

Von Benjamin Bugante | „Da geht er, ein großer Spieler. Ein Mann wie Steffi Graf.“ Mit diesen Worten erlangte das Abschiedsspiel von Lothar Matthäus im Jahre 2000 ewigen Kultstatus unter Fußballfans.

Nicht zuletzt wegen solcher markigen Sprüche ist Jörg Dahlmann einer der bekanntesten Fußballkommentatoren Deutschlands. Seine Stimme ist zwar seit einigen Jahren weniger aus Länderspielen bekannt, aber nach Stationen im ZDF, Premiere und SAT1 kennt man ihn spätestens seit 2017 unter anderem als Bundesligakommentator beim Pay-TV-Sender Sky.

Nach einer etwas verunglückten Kapriole ist für Dahlmann bei Sky jetzt Schluss: Noch vor Ende seiner Vertragslaufzeit zum Saisonende 2021 wird Dahlmann abgesetzt. Ab sofort werde er keine weiteren Spiele mehr kommentieren, teilte ein Sky-Sprecher mit. Der Grund: Bei einem Zweitligaspiel Anfang März kommentierte Dahlmann eine vergebene Chance des japanischen Spielers Sei Muroya von Hannover 96 wie folgt: “Es wäre sein erster Treffer für 96 gewesen. Den letzten hat er im Land der Sushis geschossen.”

BILD der Kommentatorenszene

 Dass sich weder Steffi Graf noch Matthäus noch irgendeine illustre „Community“ damals über Dahlmanns Spruch echauffierte, ist wenig verwunderlich. Die 22-fache Grand-Slam-Siegerin gab einem Zuschauer einmal bei laufendem Match auf die Frage „Steffi, will you marry me?“ nach kurzem Überlegen zurück: „How much money do you have?“. Matthäus hingegen hatte gut zwei Jahre nach seinem Abschied vom FC Bayern umso mehr an Uli Hoeneß‘ Aussage zu knabbern, Matthäus würde beim FC Bayern „nicht mal Greenkeeper“ werden. Und überschäumende soziale Netzwerke gab es in diesen himmlischen Zeiten sowieso noch nicht.

Was der Sky-Sprecher nun am Sushi-Spruch als „unsensibel und unpassend“ geißelte, war für mich also bloß „ein klassischer Dahlmann“ – so jedenfalls mein erster Gedanke, als ich die Schlagzeile las. Etwas übermütig, plakativ, vielleicht ein bisschen flach. Schon gar nicht fein ausziseliert, sondern eben im Affekt entstanden, im Eifer des Gefechts, das Fußball nun mal ist. Vielleicht eben auch aus der Langeweile heraus, die so ein Zweitligakick erzeugt. Jedenfalls würde man so einen Mann heute nicht bei ARD und ZDF erwarten. Dafür ist Dahlmann zu kernig, zu boulevardesk im besten Sinne. 2010 hatte er als SAT1-Reporter den damaligen Bayern-Trainer Louis van Gaal nach einem Spiel mit einer kritischen Frage einmal in eine Journalistenschelte wie aus dem Lehrbuch verwickelt, die er natürlich genüsslich auskostete. Schnittiger O-Ton, aufregender Schlagabtausch, der Journalist verteidigt mutig sein Ethos – wie für die Boulevard-Schlagzeile gemacht. „Nich‘ so aggressiv!“, „Das hat ja jetzt ein bisschen was mit Beratungsresistenz zu tun“ stach Dahlmann gegen den sichtlich erbosten Bayern-Trainer – zu viel des Guten. SAT1 kuschte und zog Dahlmann für einige Zeit aus dem Verkehr.

Eines sollten die heutigen Sky-Verantwortlichen, die sich daher in guter Tradition wähnen können, allerdings mit am besten wissen. Spätestens seit Fußball auf so vielen Kanälen läuft wie heute, ist es die elementare Aufgabe des Kommentators, das Geschehen auf dem Platz nicht nur informativ, sondern auch unterhaltsam zu begleiten. Egal, wie spannend oder bedeutend das Spiel ist – damit nicht abgeschaltet wird, muss geliefert, ja, „geglänzt“ werden. Daher ist die Tatsache, dass Fußballkommentatoren immer mal für einzelne Sprüche oder ihre allgemeine Art in der Kritik stehen, gar nichts Ungewöhnliches. Dahlmanns Berufskollege Marcel Reif, der bis 2016 für Sky kommentierte, ließ schon 1990 bei einem WM-Länderspiel zwischen Kamerun und Argentinien den Satz fallen: „Ich will nicht parteiisch sein. Aber lauft, meine kleinen schwarzen Freunde, lauft.“ Und auch ZDF-Legende Béla Réthy, längst einer breiteren Masse an Fans von WM- und EM-Länderspielen bekannt, polarisierte nicht selten mit ebenso kantigen wie absurden Sprüchen wie „Das da vorn, was aussieht wie eine Klobürste, ist Valderrama.“

Vom Fußballgott Turek zu heimatlosen Sushis

Gott hat uns an der langen Leine – selbst, wenn wir nicht mehr an ihn glauben. In eine Zeit, in der ihm offensichtlich eine andere Rolle zukam als heute, fällt der überraschende Sieg der deutschen Nationalmannschaft im WM-Finale 1954 über Ungarn in Bern. Diesem Spiel verdanken wir eine herrliche Anekdote. Aus dem deutschen Reporter Herbert Zimmermann – wie Dahlmann ein NRW-Gewächs – platzte es nach einer Glanzparade des deutschen Torhüters Toni Turek in deftigem Rheinisch heraus: „Turek, du bist ein Teufelskerl! Turek, du bist ein Fußballgott!“ Dass Zimmermann den damals noch nicht so populären Begriff „Fußballgott“ in den Mund nahm, führte dazu, dass ein einflussreicher Privatbankier und Berater Adenauers auf eine öffentliche Entschuldigung Zimmermanns drängte. Auch ein endgültiges „Canceln“ Zimmermanns, wie nun bei Dahlmann geschehen, stand im Raum.

Man ist also fast geneigt, Zimmermann als Trendsetter zu sehen. Allerdings hörten sich die meisten Fußballkommentatoren noch bis weit in die 70er-Jahre so an, als läsen sie ein Telefonbuch vor. Als der Fußball mit der Zeit kommerzieller und die Kommentatoren emotionaler wurden, häuften sich die rhetorischen Blüten, und ganze Best-Of-Bände mit Sprüchen aller Fußballakteure inklusive der Kommentatoren schmücken seither das Regal vieler Fans. Man könnte den Eindruck haben, der Fußball sei entkrampfter und – zumindest über den Bildschirm – nahbarer geworden, trotz der Beschwerden darüber, die Spieler von heute würden keinen Klartext mehr reden.

Die Sache mit der unterdrückten Frau

Der Fairness halber muss jedoch die ganze Geschichte erzählt werden. Was wohl auch entscheidend zu Dahlmanns Entlassung beigetragen hat, war ein weiterer Kommentar, der Ende 2020 fiel. Während eines DFB-Pokalspiels kam er auf den Torhüter und Partner von Schauspielerin Sophia Thomalla, Loris Karius, zu sprechen, der nach langer Zeit auf der Bank wieder zwischen den Pfosten stand. Karius‘ Rolle als Ersatztorhüter kommentierte Dahlmann mit den Worten: „Das hat den Vorteil, dass er zu Hause kuscheln kann mit seiner Sophia“, sowie „Für so eine Kuschelnacht mit Sophia würde ich mich auch auf die Bank setzen“. Mannomann, diesmal ein ziemlich deftiger Dahlmann, nicht gerade die ganz alte Schule. 1954 hätte es hierfür was gesetzt. Aber auch hier: Ob sich Frau Thomalla selbst verletzt fühlt – laut Dahlmann habe sie ihm gegenüber geäußert, den Spruch als Kompliment aufgefasst zu haben – ist für die Anklage völlig unbedeutend.

Es gibt also nur zwei Möglichkeiten. Entweder, die Sky-Verantwortlichen „haben den Fußball nie geliebt“ (Rudi Völler). Oder aber, sie unterliegen 2021 denselben ideologischen Zwängen wie jeder in der Öffentlichkeit stehende Konzern, der ein Image zu verlieren hat. Die vielen Dritten jedenfalls, jene Figuren, die solchen verbalen Schnitzern böse Motive unterplärren, obgleich sie nie dazu befragt wurden, sind mit großer Sicherheit keine Fußballfans. Ihnen mangelt neben einer gewissen Grundheiterkeit an der Einsicht, dass Fußball in Zeiten fortschreitender Professionalisierung und Kommerzialisierung mehr denn je vom Menschlichen lebt – und vom Spontanen. Falsche Einwürfe, stolpernde Schiedsrichter, stolpernde Kommentatoren – wer sehnt sich nicht nach solchen Dingen, um nicht den fünfhundertsten Videobeweis für ein Traumtor ertragen zu müssen? Da wird man zwischen Chips und Bier doch gerne daran erinnert, dass Japan das Land der Sushis ist.

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