Kurz und knackig: Kommt jetzt der Sekunden-Lockdown?

Ein Jahr lang ließen sie es langsam angehen, langsam und freundlich. Irgendetwas war immer geöffnet, die Sonnenstudios und Wettannahmestellen sowieso, die Baumärkte zuweilen und mancherorts, anderswo aber auch die Abgeordnetenbüros, Baustellen, Kirchen und Dönerbuden. Lockdown in Deutschland war ein buntes Gewimmel an Maßnahmen von großer Diversität, nicht immer ganz durchschaubar für jeden, aber erträglich, weil alle anderen auch nicht besser verstanden, weshalb bei Maischberger und Lanz wildfremde Menschen stundenlang beieinander hocken und Aerosole austauschen konnten, während man selbst der eigenen Oma nur noch am Balkon zuwinken durfte.

Flucht aus der Leidensgemeinschaft

Geteiltes Leid ist halbes Leid und so bewirkten die mittlerweile 147 Landes-Eindämmungsverordnungen zwar wenig, sie schadeten aber nur denen, die sich nicht daran hielten oder in Kontakt kamen mit welchen, die nur geglaubt hatten, sich daran gehalten zu haben. Die Liste der prominenten Corona-Infizierten ist lang, sie reicht vom Gesundheitsminister bis zu den Regierungschefs großer Leugner-Nationen, die sich schließlich mitten in der dritten Welle impfstoffnationalistisch aus der globalen Leidensgemeinschaft davonstahlen.

Zurückgeblieben ist das alte Europa, ein Kontinent, in dessen Mitte auch Deutschland weiterleidet. Schon liegt das Land, das die Lage von Anfang an im Griff hatte, nur noch 470.000 Infektionen hinter der britischen Corona-Hölle zurück, Zeit für eine Strategieänderung grundlegender Natur. Nicht mehr lang und langweilig, luftig und mit möglichst viel Raum für Interpretationen soll der nächste Lockdown ausfallen. Sondern “kurz und einheitlich”, ein knackiger Sekunden-Lockdown vielleicht, der die gebeutelte Nation blitzschnell über die Brücke ins gelobte Land führt, wo der Impfstoff fließt wie der Beratungsschweiß im Corona-Kabinett.

Stunden-oder Sekundenlockdown, das ist die Frage

Vom nordrhein-westfälischen Politik-Basset Laschet über den künftigen grünen Kanzler Söder bis zur scheidenden mächtigsten Frau der Welt und dem Bundestalkshowepidemiologen Lauterbach geht der Wunsch angesichts explodierender Ansteckungsraten Richtung Stunden-, besser noch Sekundenlockdown. Schnell soll es diesmal gehen und Tiefenwirkung entfalten, ein  Shutdown, der nicht lange stört wie der seit 152 Tagen andauernde Wellenbrecher-Lockdown, sondern konzentriert und einheitlich vorüber ist, ehe die Betroffenen ihn überhaupt bemerken können. 

Wie das Abreißen eines Pflasters soll er funktionieren, der “Brücken-Lockdown” made in Düsseldorf. Ein scharfer, schneller Schmerz, ein Luftanhalten über Nacht vielleicht, wenn dann ohnehin überall Ausgangssperre ist. Hauptsache einheitlich, Hauptsache kurz, hat die seit einigen Tagen vollkommen abgetauchte Bundeskanzlerin überraschenderweise erkennen lassen, wie viel auch sie aus den zurückliegenden Monaten mit endlosen Lockdowns und extensiver regionalen Diversität gelernt hat. 

Wiedermal was Symbolisches

Es braucht wiedereinmal “irgendetwas Symbolisches, ein Zeichen” (Helge Braun),wenn schon alles andere nicht funktioniert. Was eigentlich noch zusätzlich geschlossen werden könnte, ob Krankenhäuser, Supermärkte, Fernsehsender oder Fußballstadien, ist gar nicht so wichtig. Hauptsache Tatkraft ist zu erkennen, Hauptsache, ein neuer Geist der Gemeinsamkeit beweist, dass es hierzulande zwar immer etwas länger dauert, dann aber alle den Ernst der Lage begreifen: Jetzt geht es um die Frage, wer Kanzlerkandidat wird, Habeck, Baerbock, Laschet oder doch Söderda?

Also Kommando zurück, nun müssen alle mitmachen, egal wie betroffen sie sind. Aber eben nur einen winzigen Moment lang, über dessen Dauer das Corona-Kabinett in der kommenden Woche entscheiden wird. Seit dem legendären Öffnungsgipfel von Anfang März, mit dem seinerzeit die Landtagswahlen in  Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz vorbereitet wurden, werden dann 40 Tage vergangen sein. 40 Tage, in denen es Deutschland geschafft hat, 5,5 Millionen Menschen zu impfen, während es in den USA mit ihrer “maroden” Infrastruktur im selben Zeitraum etwa 110 Millionen waren.

Scharf und therapeutisch

Zahlen, die zeigen, dass der dritte, kürzeste, aber auch schärfste und symbolischste Lockdown in einer Nation, die Mitte April beim Impfen prozentual dort steht, wo Israel in der dritten Januarwoche war, vor allem therapeutische Zwecke hat: So lange über seine Notwendigkeit, seine Länge, seine Einheitlichkeit und seine Details debattiert werden kann, ist zumindest nirgendwo mehr Platz, Forderungen nach einem Untersuchungsausschuss zum Impfstoffdebakel mit seinen Tausenden von zusätzlichen Toten zu erheben, nach den systemischen Ursachen des desaströsen Versagens der EU zu fragen oder personelle Konsequenzen wegen der immer noch anhaltenden Unfähigkeit zu fordern, wenigstens vorhandene Vakzine schnell zu verteilen.

Der nächste Lockdown ist so weniger einer zur Verhinderung  der Verbreitung eines Virus, sondern mehr einer zur Unterbindung unerwünschter Debatten. Die “Brücke”, die Armin Laschet vorgeschlagen hat, soll vor allem Zeit gewinnen, bis besseres Wetter kommt, bessere Impfzahlen und mit ihnen bessere Stimmung. 

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