Mein Mädchen aus England


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Ich hatte mal ein Mädchen aus England. Eins mit grünen Augen, ganz und gar hellgrün wie junger Klee. In meinen Erinnerungen trägt sie noch immer ihr schwarzes Haar und einen grauen Pullover über der alabasterfarbenen Haut. Sie wohnte in einem roten Backsteinhaus, halb verfallen im Nirgendwo der vergessenen Kleinstädte Englands. Da wo die Väter in Stahl und Kohle einst ihr Geld verdienten und nicht zu denen gehören, die glücklich von den Freuden des neuen Englands singen können. Die Leute, über die man sich im Massenfernsehen lustig macht für ihre seltsame Art zu sprechen. Zugenagelte Häuserfassaden, geschlossene Geschäfte, heruntergekommene Pubs, leerstehende Industrieparks und verfallene Zechen. All das, während Tony Blair, Cameron und all die anderen Aristokraten die Vorzüge einer EU und Globalisierung priesen, die diesen Menschen in ihren Städtchen nichts Gutes gebracht hat. Es sollte eigentlich keinen überraschen, der nicht mit dem Soja-Latte in der Hand und einem Stock im Arsch in seinem gläsernen Redaktionsgebäude sitzt, wenn diese Menschen sich für den Brexit aussprechen und ihre Stimmen neuen Parteien geben. Das sind die Städte, wo tausendfach junge Mädchen von pakistanisch-muslimischen Sexgangs industriell missbraucht und teilweise sogar getötet wurden. All das, während die Oberschicht und Polizei die Augen abgewendet haben und jahrelang geschehen ließen, wovon sie meinten, dass es sie nicht zu kümmern habe.

Eine populistische Revolte wird kommen

Wenn ich mein Mädchen aus England denke, seh ich ihre verträumten Augen vor mir und die Hoffnung, die daran lag. Hoffnung auf eine bessere Zukunft irgendwo anders. Alles nur nicht diese Wüste im Nirgendwo zwischen Drogenkranken, Alkoholikern, Sex-Gangs und einer trüben, dunkelgrauen Wolkendecke. Nicht viel anders als Charlene Downes, die wahrscheinlich getötet und zu Kebab verarbeitet wurde. Wirklich aufgeklärt wurde dieser mit den Grooming-Gangs im Zusammenhang stehende Mord nie wirklich.  Das wahre England hat nicht viel mit J.K. Rowling, Tony Blair oder der dem Boulevard von London zu tun. Das wahre, blutende England, das von König Arthus, den grünen Auen und dunklen Wäldchen, liegt jenseits vom Beobachtungshorizont unserer Generationen. Wer glaubt, dass die Dinge in Kontinentaleuropa schlecht stehen, sollte sich England und die völlig zerstörte Gesellschaft dort anschauen.

 

Die Situation in England ist ungleich schwieriger, weil sich bis auf UKIP nie eine Partei abseits der Konservativen(in Wahrheit Scheinkonservative) und Labour bilden konnte. Und selbst die Ukip, die in genau diesen Regionen der Arbeiter und sozialen Unterschicht Erfolge feiern kann, schafft es nicht die Probleme des Landes angemessen zu artikulieren. Gleichzeitig werden die britischen Inseln ähnlich stark durch Masseneinwanderung unter Druck gesetzt, während es kaum noch nennenswerte Industrie im Land gibt. Nur der Finanzsektor in London hält die Nation und eine kleine, medial und politisch verankerte Elite über Wasser. Es gibt kaum ein Ventil für die Menschen, die ihrem Ärger Luft machen wollen. Die restriktive Kultur politischer Korrektheit hält Großbritannien fest im Griff und der Dialog ist ähnlich wie hier zum Monolog geworden, wo eine meinungsmachende Schicht von oben herab auf eine empörte Masse sprechen darf, die sich anmaßt ihre eigene Abschaffung nicht kritiklos hinzunehmen. Brexit und der Ruf nach Veränderungen sind nur die Vorboten weit größerer Umwälzungen, die da noch kommen werden.

Do not go gentle into that good night,

Old age should burn and rave at close of day;

Rage, rage against the dying of the light.

Dylan Thomas

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Bild: Anna & Michal @Flickr / CC BY-SA 2.0

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