Kommentar zu Hendrik Streeck rechnet mit dem Lockdown ab: „Hotspot – Leben mit dem neuen Corona-Virus“ von R.J.

Vielen herzlichen Dank, Herr Tichy. Erlauben Sie mir einige Anmerkungen.
(A) Man sollte, der Maxime „cogitare est discriminare“ folgend, immer genau zwischen (1) der epidemiologischen Situation bis hin zum Risiko einer schweren Erkrankung oder des Todes und (2) der klinischen Ausprägung unterscheiden. In Hinsicht auf (1) bestehen offenbar keine wesentlichen Unterschiede zu früheren Influenza-Epidemien, in Hinsicht auf (2) scheint es Unterschiede zu geben, vor allem bezüglich der Beteiligung der Gefäße sowie Spätfolgen. Einschränkend sollte man in Rechnung stellen, dass sich Heerscharen von Wissenschaftlern auf COVID stürzen, die naturgemäß alle „etwas finden wollen“ (das ist nicht despektierlich gemeint, sondern charakterisiert die interne Dynamik des Wissenschaftsbetriebs), und dass mit gleicher Methodik und Sorgfalt durchgeführte Untersuchungen zum Beispiel zu Influenza fehlen.
(B) Mathematische Modelle liegen der Entwicklung der neuzeitlichen Wissenschaft wesentlich zugrunde und sind auch zur Beschreibung von Epidemien nach wie vor wertvoll. Wohlgemerkt zur Beschreibung, schwerlich zur Prognose, der Unterschied zu Klimamodellen scheint mir hier nicht groß. In der Bewertung von Modellen zeigt sich Kompetenz vor allem darin, ihre Grenzen zu erkennen, das weiß bereits jeder, der Erfahrung in nicht-trivialer Statistik hat, denn diese ist ebenfalls Modellierung. Die immer noch beliebten exponentiellen Extrapolationen sind ein Zeichen von Inkompetenz, denn CoV-2 gehört zu einer Gruppe wohlbekannter, endemischer Viren, gegenüber denen wir durch angeborene Immunabwehr und Kreuzimmunität keineswegs frei von Abwehrmechanismen sind; daher war ungebremstes exponentielles Wachstum von vornherein unwahrscheinlich, und das gilt auch für „Mutanten“. Ein derartiges Wachstum gab es im 16. Jh., als die Spanier Infektionskrankheiten in Mittel- und Südamerika einschleppten, gegen welche die indigene Bevölkerung praktisch wehrlos war, so dass innerhalb kurzer Zeit 90% der Population starben. Man hätte die Modelle bereits zu Beginn kritisch überprüfen statt fanatisch re-iterieren sollen.
(C) Ein zentraler Fehler bestand m.E. darin, für Subpopulationen unterschiedlicher Suszeptibilität nicht parallele Kompartimente anzusetzen, obgleich solche Modelle beispielsweise für die Altersschichtung bekannt sind. Dies würde erklären, warum am Anfang ein rapides Wachstum in suszeptiblen Subpopulationen stattfand, das dann einem gemäßigten Wachstum Platz machte, sobald diese Subpopulationen „abgeerntet“ waren. Derartige Modelle sind später entwickelt worden (in England etc.), haben aber naturgemäß keine Aufmerksamkeit in Politaille&Publicaille gewonnen. Ein weiterer zentraler Fehler, neben inadäquater mathematischer Struktur, war die Vernachlässigung der massiven Schätzfehler in den Parametern der Modelle. Auch dies ist schwer verständlich, da es klar war, dass sich (1) solche Fehler aufgrund der Nichtlinearitäten überproportional in Vorhersagefehler übersetzen können und (2) vom RKI etc. praktisch nur Datenschrott kam. Weder in eine systematische Erfassung oder Charakterisierung von Stichproben noch in die unerlässliche, laufende Qualitätskontrolle der PCR-Tests noch in eine nachvollziehbare Analyse von Todesursachen wurde investiert. Hier sehen wir eine der vielen Manifestationen der „Aura“ der mater ineptorum omnium.
(D) Dass in Modellen Personen „nur“ als Zahlen vorkommen, ist unvermeidlich. Anlasten muss den trickhaften Umgang mit den Modellen den adsentatores atque fraudatores Merkelienses. Es ist eine Schande, welche extremistischen, bornierten Figuren „Berater“ der Regierung sind, von ZeroCovid als Untermenge von ZeroBrain ganz zu schweigen. Diese Figuren sind auch eine Schande für die Namen von Hermann von Helmholtz, Max Planck, Gottfried Wilhelm Leibniz und Robert Koch, unter denen sie auftreten. Mir scheint, die Vorliebe für „Theoretiker“ statt „Empiriker“ sowie der regulär trickhafte Umgang mit Zahlen haben mit dem vorherrschenden sozialistisch-ökologistisch-parareligiös grundierten Klima bzw. Unbildungshintergrund in weiten Teilen der „Intelligenz“ sowie der unverkennbaren marxistisch-leninistischen Prägung der „Physikerin“ zu tun. Angesichts der DDR-Realität musste man der „Theorie“ und ihren „Vorhersagen“ zugeneigt sein, um eine „voll entwickelte sozialistische Persönlichkeit“ mit Sinekure, Reisekaderprivileg etc. zu werden. Dahin gehört auch die allgegenwärtige Amalgamierung von „Wissenschaft“ mit politischen Zielen, welche die Form von Heilserwartungen und Menschheitsbeglückungen annehmen. Siehe auch Klima, Migration etc.

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