EU bald mit noch mehr Symbolik: Aufbruch zum Impfpass

Der digitale EU-Impfausweis wird viel moderner aussehen, aber dieselbe Funktion haben.

Es hat sie in allen Krisen gegeben, in allen Kriegen und Sondersituationen. Entfernt sich das Leben durch äußere Umstände vom Normalzustand, entsteht umgehend eine ganze Kultur an Sonderausweisen. Kein Zutritt ohne, nicht jedenfalls zu diesem Gebäude, in diesen Stadtteil, diese Stadt, dieses Land, diese Staatengemeinschaft. Die Geschichte kennt zahllose Beispiele für Papiere, die in Russland propusk und im englischsprachigen Raum special pass heißen. Die Deutschen regelten in ihrer Geschichte den lebensrettenden Zugang zu Bunkern im Fall von Bombenangriffen und sogar die Möglichkeit, das eigene Haus im Grenzgebiet zu besuchen, mit Hilfe solcher Betretungsberechtigungsscheine – Ruhe und Ordnung, vom ersten Tag der großen Corona-Krise an Hauptsorge der Regierung, lassen sich so vorabgeregelt und abgestuft sicherstellen.  

Schwerfällig in  schwerer See

Nun hat sich in der Pandemie mehr und deutlicher noch zu erkennen gegeben, dass die  kreuzfahrtschiffhafte Konstruktion der Europäischen Union bei stiller See und Sonnenschein zwar niemanden weiter stört, beim ersten Sturm aber Menschenleben kostet. Ein-, zwei- oder dreimal nicht aufgepasst, schon impfen alle anderen schneller und außer einer Überdosis Manipulation und  der Zusicherung, es werde aber immerhin für einen sehr, sehr guten Zweck gestorben, bleibt nicht viel an Trost. Die symbolisch errichteten Impfzentren, als Fackeln der Hoffnung geplant, stehen weitgehend leer. Das detailverliebt geplante und elektronisch aufgesetzte menschenverachtende System zur Erbettelung von Impfterminen sorgt nicht für Zuversicht, sondern für Unmut, den selbst wirre Lockerungspläne und Erleichterungsmatrixen kaum noch im Zaum zum halten vermögen.

Was aber wäre die EU, was wäre Deutschland, könnten die Beraterstäbe und Worthülsendreher nicht sofort mit der nächsten hochsymbolischen gemeinsamen europäischen Lösung aus der Dauerpanne helfen. Diesmal wird ein Impfpass versprochen, ein Sonderausweis für jedermann, der sich den “Pieks” (Bundesregierung) abholt. Mit Impfpass wird der Besuch von Kneipen, Theatern, Konzerten und Fußballstadien wieder möglich, Impfpassinhaber dürfen reisen und ins Freibad gehen, im Restaurant essen und in Hamburg auch wieder ohne Maske joggen. 

Liebevolle Beschreibung als “holpriger Impfstart”

Aussichten, die den “holprigen Impfstart”, wie es die “Welt” im Versuch nennt, ein komplettes Debakel trotzig als Teilerfolg zu verkaufen, vergessen lassen sollen. Keine fünf Prozent der Deutschen sind geimpft, nach zwei Monaten – bei diesem Tempo der größten Impfkampagne der Menschheitsgeschichte wird es bis Herbst 2022 dauern, bis wenigstens die Hälfte der Bürgerinnen und Bürger Antrag auf Ausstellung eines Impfpasses stellen könnte. Aber in Zeiten, in denen selbst eingeschworene Realitätsleugner die Nerven zu verlieren scheinen, ist jede Symbolhandlung gut genug, die angeschlossenen Sendeanstalten zu beschäftigen und damit auch zu besänftigen.

Der Impfpass würde genau die Zwei-Klassen-Gesellschaft begründen, die Bundeskanzlerin Angela Merkel bisher strikt und entschieden ausgeschlossen hat, doch das schrumpft zur Petitesse. Dann hat sie das eben gesagt. Und jetzt sagt sie eben was anderes. Die Leute reden so viel. Und am Ende stimmt es immer alles nicht. Ist doch auch egal. Schließlich war es ein EU-Sondergipfel, der den Beschluss gefasst hat. Da kannst du als Deutschland gar nichts mehr machen. Dich nur freuen, denn der neue Sonderpass wird zwar “ein nationaler digitale Impfausweis” (Tagesschau) sein, aber “europaweit gelten”. Wenn man sich auch noch nicht einigen konnte, wofür eigentlich. 

Langsam, aber richtig teuer

Dass die EU-Kommission “in den kommenden drei Monaten für die technischen Voraussetzungen sorgen” wird, das digitale Papier in allen 27 verbliebenen Mitgliedsländern einzuführen, nährt den Verdacht, dass das alles ohnehin nicht ernst gemeint ist. Legendär ist heute schon der EU-Wiederaufbauplan für Europa, den Ursula von der Leyen vor knapp einem Jahr vorgestellt hatte. Im August 2020 hatte das von 750 Milliarden auf eine Billion Euro aufgeblasene Paket feierlich den schönen Namen “Next Generation EU” erhalten. Im Dezember war endlich Einigkeit über die Verteilung der Billion erzielt worden. Anfang Februar schließlich segnete das EU-Parlament die fantastrilliardische Rettungsmaßnahme ab. Und wenn nun auch noch alle 27 Staaten zustimmen, kann noch vor der Bundestagswahl angekündigt werden, dass Geld schon bald fließen wird.

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