Pandemiejoker aus Oberzier: Seuchenkrustenbraten mit Lockerungsschaum

Ein Mammutprogramm, das sich Karl Lauterbach zumutet, um ab Herbst Gesundheitsminister zu werden.


E
s ist so schnell gedacht und so leicht ausgesprochen, aber so schwer gemacht. Eine Pandemie, das weiß Deutschland nach einem Jahr genau, besteht aus langsam, aber beständig steigenden Zahlen an Infizierten und Toten, aber nicht aus Statistiken von Erkrankten, die es nie gab und nie geben wird. Also nicht die Erkrankten, sondern die Statistiken. Jedenfalls kommt sie daher als bunte Vielfalt an Meinungsgewirr über Inzidenzen und Mutanten, shutdowns und lockdowns und Ansteckungsquellen und Pflegeheimtests und hot spots und Händewaschen. Jeder meint etwas, jeder etwas anderes. PPQ – in Zeiten vor dem “Krieg gegen das Virus” (Macron) gestartet unter dem Motto “Wir sprechen verschiedene Sprachen – meinen aber etwas völlig anderes” ist heute überall.

Das Gesicht der Krise

Aber nicht nur PPQ, als PPQ.li mittlerweile ins sichere Litauen migriert. Auch Karl Lauterbach ist ein Gesicht der Krise, ein emsiger Erklärer des Zusammenbruchs, den auch der hässliche Hass derer, die ihn hassen, nicht davon abhalten kann, das aus wissenschaftlicher Sicht auszusprechen, was der kleine Mann auf der Straße insgeheim denkt, aber nie in einer Talkshow sagen dürfte, weil er am Pförtner nicht vorbeigekommen ist. 

Karl Lauterbach hat dieses Problem nicht. Seit die große Krise ausbrach, ist der SPD-Hinterbänkler Bank um Bank nach vorn gerutscht in der deutschen Fernsehpolitik. Vor einem Jahr noch verurteilt, dem Postenschacher selbst in seiner eigenen kleinen Partei tatenlos zuschauen zu müssen, weil die Mitgliedschaft in nicht als Vorsitzenden hatte haben wollen, ist Lauterbach heute der inoffzielle Corona-Minister des Landes. Ohne Abstand und ohne Maske wohnt der 58-Jährige seit einem Jahr in Fernsehstudios, Zeitungsredaktionen, Flugzeugen und Fernzügen. 

Deutschlands führendster Corona-Kopf

Lauterbach mahnt und er erinnert, er empfiehlt und warnt, er gibt wertvolle Hinweise und sehr gute Ratschläge. Aus dem Sozialdemokraten, der ehedem ein Christdemokrat gewesen war und sich noch im letzten Jahr mit Fragen der europäischen Bürgerversicherung, Zusatzssteuern für SUVs, der Wasserstoffproduktion und mit der Hetze gegen Flüchtlinge beschäftigte, wurde binnen weniger Woche Deutschlands führendster Kopf im Kampf gegen Corona.

Seitdem ist Lauterbach jeden einzelnen Tag unterwegs, er hat eine Mission, die er eisern verfolgt. Die Tourplan der zurückliegenden Monate zeigt einen längeren Urlaub im Juli und einen im Oktober,die fürchterlichen Monate der Lockerungen, in denen die Nachfrage nach Kassandra erst langsam wieder ansteigen musste. Zuletzt aber war Karl Lauterbach wieder voll im Geschäft, kein Fernsehabend ohne ihn, kein Frühstückskaffee ohne seine bahnbrechenden Erwägungen. Zuletzt wollte er sogar selbst impfen und geimpft werden. Alles auf eine Karte. Und drei rauf mit Mappe in der Impfreihenfolge.

Klabautermann der Corona-Krise

Das Vorhaben scheiterte am Hass derer, die nicht hören wollen. Zum Schweigen bringen aber können die Hetzer und Zweifler, Leugner und Verweigerer den Klabautermann der Corona-Krise nicht. “Wenn möglichst viele schnell 1. Dosis Impfung bekämen würde Zahl der Neuinfektionen sinken” hat der Epidemologe ehrenhalber gerade herausbekommen und so eilig in die Weltnetze verklappt, dass keine Zeit für Kommata blieb. Die Zeit drängt. Lauterbach hat die Lösung. “Die beste Strategie gegen die Dritte Welle”, ein Phänomen, das der “Mutante” (Lauterbach) zu verdanken ist und dem Karl Lauterbach alle Engagegments des zurückliegenden halben Jahres zu verdanken hat, sei “daher Änderung der Impfordnung und Schieben der 2. Dosis”.

Das perfide Albion arbeitet so seit Wochen, es impft auch schneller als ein gemaltes Schiff auf einem gemalten Meer fährt. dass nun eine mächtige Stimme wie die Lauterbachs nach dem englischen Patienten ruft, zeigt ein Ausmaß an Verzweiflung im politischen Berlin, das mit Händen zu greifen, aber in keiner Illner-Sendung mehr zu diskutieren ist. 

Es geht ums nackte Überleben einer ganzen politischen Klasse, der schwant, dass Geduld und Duldsamkeit der Wählerinnen und Wähler eines Tages vielleicht doch ein Ende  haben konnten. Noch stimmen die Umfragewerte, noch finden sich Gemeinsinnsender und Institute, die Befragungen vorlegen, wonach die Leute willig sind, bis zum Endsieg durchzuhalten und sei es auch, dass eine Verdunklungspflicht dazukäme wie beim letzten Mal. 

Mohrrübenschaum aus Lockerungen

Aber die Zweifel. Ist diese Treue wirklich fest? Muss Folgsamkeit nicht belohnt werden? Die “schnelle Erstimpfung als Pandemiejoker”, vorgeschlagen von Karl Lauterbach, der darauf hinarbeitet, der nächsten Bundesregierung als Gesundheitsminister angehören zu dürfen, wird als Seuchenkrustenbraten gereicht mit einem Mohrrübenschaum aus versprochenen “Lockerungen”, gefasst in Stufenpläne und Freiheitsmatrixen, die den potemkinschen Impfzentren gleichen wie Nachbauten aus Papier. 

Es ist ein Zeitspiel im Rennen gegen die versiegende Geduld,  ein Wettlauf zwischen Folgsamkeit und der Fähigkeit der Lauterbachs, Merkels, Haseloffs, Söders und Laschets, ihre Wildwasserfahrt zwischen härteren Maßnahmen und schnellen Lockerungen, zwischen Angst vor der fürchterlichen Mutante und Angst vor der zunehmenden Verweigerung als einzig vernünftige Strategie gegen die Seuche zu verkaufen. Der Ausgang ist unentschieden, doch die Unruhe wächst.

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