Leserzuschrift des Monats

Lieber Herr Wendt,

ich habe gerade Ihren Essay über „Das Höhere Wesen“ gelesen, das uns sagt, was zu tun ist. Es ist sehr wohltuend, Ihrem analytischen roten Faden zu folgen. Ich bin seit fast 50 Jahren in der „Wissenschaft”  der Naturwissenschaften unterwegs und bin entsetzt, wie seit einigen Jahren, extrem im letzten Jahr, die „Wissenschaft” als Begriff  missbraucht wird, aber sich  auch allzugern missbrauchen lässt. Es findet sich kaum noch ein Journalist, der selber einen wissenschaftlichen Erfahrungshorizont hat oder auch nur gelernt hätte, wissenschaftliche Denkmethoden anzuwenden.

Eine Anmerkung möchte ich noch gerne zu dem Begriff des „Befundes” machen, den Sie  diskutieren. Ein Wissenschaftler weiß, unter welchen Bedingungen und Restriktionen sein „Befund” zustande gekommen ist. Allein schon durch einschränkende Vorgaben (Ein-/Ausschlusskriterien)  lässt sich ein Ergebnis in eine gewünschte Richtung lenken, weil ausgeschlossene Entitäten keinen Eingang in mein Modell finden. Diese Grenzen müssen aber angegeben werden, da sie ja eine Verengung des Ergebnisses bedeuten. Ebenso weiß jeder Wissenschaftler um die statistische Unsicherheit seines Ergebnisses, die ja nur aus einer in der Regel kleinen Stichprobe des Gesamtkollektivs besteht. 
Der Wissenschaftler kann damit umgehen, da er die Unsicherheit seines Messwertes abschätzen und angeben kann.  Der „Wissenschaftsjournalist“ muss einen für den Leser verständlichen Begriff, eine konkrete Zahl, ein Datum abgeben (so er denn das Problem der Messunsicherheit überhaupt begreift, was ich mal wohlwollend unterstelle, mir bei den allermeisten aber unsicher bin). Und ab hier wird die Diskussion schon extrem vereinfachend und damit falsch geführt (der schwachen MINT-Fähigkeit sei es geklagt (ich erspare mir den naheliegenden Seitenhieb, für Wissenschaftlerinnen den leichteren Weg des Genderismus zu gehen)).

So wird überhaupt nicht ausreichend thematisiert, dass die politische Größe „Inzidenzzahl“ dank eines wissenschaftlich unzulässigen, aber politisch geschützten PCR-Tests eine willkürliche Festlegung ist, die auch noch nach Belieben durch simple Veränderung der Testhäufigkeit beeinflusst werden kann.
Das universelle Prinzip, dass sich jede wissenschaftliche Aussage einer Überprüfung stellen muss, wird beiseite gewischt.

Wahrscheinlich ist im Rückblick das Verhalten der schweigenden Mehrheit der Wissenschaftler – Sie haben korrekterweise kurz auf die ökonomische Abhängigkeit hingewiesen – das größte Versagen in der sogenannten Corona-Krise. Ich möchte das Versagen der Medienschaffenden als Transporteur und Treibriemen der ungeprüften „Wahrheiten“ aber nur kurz dahinter ansiedeln.
In einem Meer von intellektuellem Unrat ist es wohltuend, geistvolle Texte zu lesen. Bitte weitermachen!

Herzliche Grüße Ihr V. C.

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