Die lächerliche Debatte um die Sauce

Von Manuel Freund | „Sitzen 4 Weiße in einer Talkshow und diskutieren über Rassismus. Keine Pointe.“ Oder „Privilegierte Weiße kehren Rassismus unter den Teppich“, so und ähnlich hieß es vor einer Woche auf diversen Social‑Media‑Accounts und in den Medien, nachdem Micky Beisenherz, Thoms Gottschalk, Janine Kunze und Jürgen Milski in der Talkshow „Die letzte Instanz“ im WDR darüber diskutierten, ob man die „Zigeunersauce“ umbenennen sollte.

Zuerst einmal eine kurze Erklärung, warum diese Bezeichnung so umstritten ist: Der Begriff „Zigeuner“ wurde von Sinti und Roma selbst nie gebraucht und war seit Entstehung eine abwertende Bezeichnung. Einen Sinti und Roma mit „Zigeuner“ anzusprechen, kann also zurecht als Beleidigung gesehen werden.

Zigeunersauce ist jedoch keine Bezeichnung für einen Menschen, sondern ein Eigenname eines Produktes. Dementsprechend kann man sich hier auch zurecht fragen, inwieweit ein Produktname diskriminierend sein kann.

Doch da es mir persönlich egal ist, wie die Sauce heißt, solange der Name klar erkennbar und nicht unnötig umständlich ist, möchte ich mich dort gar nicht einmischen. Egal, wie die Sauce nun rechtmäßig heißen soll, diese Debatte um das Thema ist einfach nur noch lächerlich und heuchlerisch.

Zum einen sind die Vorwürfe gegen die Talkshow-Besucher komplett überzogen. Thomas Gottschalk erzählte z.B., dass er sich in den 80ern mal als Jimi Hendrix verkleidet habe (inklusive dunkle Bemalung des Gesichtes) und dann auf einer Party das erste Mal mitbekommen habe, wie sich Rassismus anfühlt. Diese Aussage war offensichtlich recht undurchdacht. Nicht, dass es gegen hellhäutige keinen Rassismus gäbe, aber das war definitiv keiner. Trotzdem hat Gottschalk diese Aussage weder beleidigend noch rassistisch gemeint. Nun kann man ihm vielleicht Unsensibilität oder Unüberlegtheit vorwerfen, aber dass eine Person des öffentlichen Lebens, die niemals durch xenophobe Äußerungen aufgefallen ist, wegen Unüberlegtheit als Rassisten zu diskreditieren, ist nicht akzeptabel. Das Gleiche gilt für die anderen vier Gäste der Talkshow.

Zum anderen wirkt die Diskussion im Hinblick auf die wirklich problematische Lage der Sinti und Roma in vielen süd-, ost- und südosteuropäischen Ländern heuchlerisch. Die Diskriminierung ist in den meisten Ländern inzwischen zwar gesetzlich verboten, jedoch real durchaus noch vorhanden. Gerade in den Ländern, in denen es besonders viele Roma gibt, werden sie teilweise sogar von den Behörden diskriminiert. So gibt es in Craiova (Rumänien) z.B. ein Gefängnis, das als regelrechter „Roma-Knast“ gilt. Hier herrschen katastrophale Umstände und die Vermutung, dass die Bedingungen hier deshalb so viel schlechter sind als in anderen rumänischen Gefängnissen, weil hier so viele Roma inhaftiert sind, liegt nicht fern. Aber auch friedliche Sinti und Roma werden in vielen Ländern noch sozial, wirtschaftlich, kulturell und politisch ausgegrenzt.

In Deutschland hingegen ist der Anteil an Sinti und Roma so gering, dass die meisten Deutschen weder eine große Ahnung über noch eine Meinung zu Sinti und Roma haben. Viele, die jetzt plötzlich ganz groß aufschreien, haben sich vorher nie um das Wohlergehen dieser Bevölkerungsgruppe bemüht oder sich über Diskriminierung von Sinti und Roma informiert. Jetzt plötzlich, wo es um die Umbenennung einer Sauce geht, ist das auf einmal Thema Nummer 1. Das wäre ja alles halb so schlimm, wenn die Diskussion um die Umbenennung wenigstens dazu führen würde, dass grundsätzlich mehr über die großen Probleme von Sinti und Roma geredet wird. Aber selbst mehrere Tage nach der Talkshow begrenzt sich die Diskussion in den (sozialen) Medien auf die Umbenennung einer Sauce und das Runtermachen von Promis aufgrund unüberlegter Aussagen.

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