Anna und der Kampf gegen die Diskriminierung – eine oscarverdächtige ÖRR-Reportage

Von Marikka Wiemann | Der YouTube Kanal „reporter“ hat vor einigen Tagen ein neues Meisterwerk gegen Diskriminierung hochgeladen, mit dem vielsprechenden Titel „Konvertiert zum Islam: Jetzt kämpfen sie gegen Vorurteile und Hass“. Bereits am Anfang hält die Reporterin Anna, Bilder von zwei Konvertiten anklagend in die Kamera. Das erste zeigt Max in einem traditionellen weißen Gewand und mit Kopfbedeckung. Auf dem zweiten ist Toya vom Kanal „Datteltäter“ zu sehen, die man ohne Kopftuch auf den ersten Blick nicht als Muslima wahrnimmt.  Annas Appell ist eindeutig: Man soll sich schlecht fühlen, wenn man bei Max´ Anblick spontan an einen Salafisten gedacht oder generell Vorurteile gegen Muslime hat.

Um diese aus dem Weg zu räumen, besucht sie den 21jährigen Konvertiten Max. Direkt am Anfang des Gesprächs demonstriert Anna vorbildlich, wie ein Gespräch ohne Vorurteile auszusehen hat und konfrontiert ihn direkt damit, dass er ganz anders aussieht als auf dem Foto. Er trägt nämlich Jeans und T-Shirt. -Ja, was denn Anna? Hast du denn gedacht, dass der liebe Max den ganzen Tag im frommen Gewand in seinen vier Wänden hockt? Doch außer der Frage nach seinem Outfit interessiert Anna, wie es überhaupt zu Max´ Konversion gekommen ist. Max hat in einem Flüchtlingscamp gearbeitet und war so beeindruckt vom Glauben der Kinder, dass er sich ein paar Monate nach Schließung des Camps dazu entschieden hat, zum Islam zu konvertieren. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich jemand nach so kurzer Zeit von heute auf morgen entschließt Moslem zu werden ,nur, weil er Kinder in einem Flüchtlingscamp erlebt hat.

Diese perfekte monokausale Erfolgsgeschichte klingt definitiv eine Spur zu kitischig und vor allem oberflächlich. Oder wie Alligatoah singen würde „Denk an die Kin-dadada, dadada…“. Jaja, ohne die Kinder wäre der Max jetzt bestimmt kein Moslem, das steht außer Frage! Anstatt noch genauer nachzubohren z.B. ob er durch seine Arbeit Kontakte zu einer Gemeinde bekommen und inwiefern diese ihn in seiner Entscheidung beeinflusst hat, fragt Anna lieber direkt nach der Reaktion seiner Familie.
Die waren natürlich geschockt und Max´ Mutter hat auf den Schreck eine ganze Weile Schweinefleisch gekauft. Schuld daran sind die bösen Mainstream-Medien. „Laut den Mainstream-Medien ist ja jeder Konvertierte gleich Terrorist.“ Aber Max! Hat dir denn niemand gesagt, dass vor dir eine waschechte Mainstream-Reporterin sitzt?

Immerhin wird „reporter“ für „funk“ produziert, was wiederum zu ARD und ZDF gehört. Noch mehr Mainstream Medium geht eigentlich nicht. Aber noch einmal zu diesem etwas sehr weit hergeholten Vorwurf. Ich habe noch nie einen Artikel oder ein Video der sogenannten „Mainstream-Medien“ gelesen oder gesehen, die Anlass für so eine Aussage gegeben hätten. Der Focus beispielsweise hat Anfang April letzten Jahres eine Art Anleitung für die Konversion zum Islam verfasst, in der das Wort „Terrorist“ mit keinem Wort erwähnt wurde.

Insgesamt wirkt Max nicht besonders überzeugend, vor allem in der Art und Weise wie er betont, dass er sich nach seinem Entschluss an alle Regeln des Islam zu halten habe. Diese werden nur kurz angesprochen. Er betet fünfmal am Tag, fastet, isst kein Schweinefleisch und trinkt keinen Alkohol. Das ist insgesamt keine allzu große Überraschung. Spannend ist allerdings, dass Max aufgrund seiner Konversion bereits verheiratet und sogar schon Vater ist. Ich frage mich an dieser Stelle, wie dieser Glauben seine Rolle als Ehemann oder Vater beeinflusst?

Doch unsere Reporterin ist an solchen Dingen nicht interessiert. Ihre einzige Aufgabe scheint darin zu bestehen, Max freundlich anzulächeln, verständnisvoll zu nicken und über die Intoleranz seiner Mitmenschen den Kopf zu schütteln. Dieses „Interview“ wirkt wie ein gut einstudiertes Theaterstück.
Max und Anna machen anschließend noch einen Abstecher in Max´ Heimatmoschee. Auf dem Weg treffen sie auf einen älteren Mann, der einen Witz über Max´ Rocklänge macht. Also ein Paradebeispiel in Sachen Intoleranz – ganz ehrlich? Erwarten die beiden ernsthaft, dass ältere Menschen bei Max´ Anblick nicht befremdet sind? Soll so der „Hass“ aussehen, mit dem Max zu kämpfen hat?
Gut, den Spruch hätte der Mann sich sparen können, aber trotzdem war diese Reaktion vermutlich genau das, worauf es das Team von „reporter“ angelegt hat. Es geht nicht um Akzeptanz, sondern um die Bestätigung der Opferrolle, in der Max sich sieht.

Er fühlt sich allerdings nicht nur von seinen Mitbürgern belästigt, sondern auch vom Verfassungsschutz, der scheinbar auch bei der Moschee-Eröffnung seiner Gemeinde anwesend gewesen sein soll. Außerdem glaubt Max, aufgrund seiner Konversion des Öfteren im Auto verfolgt worden zu sein. Die Beamten des Verfassungsschutzes würden auch auf Demos der Linken auftauchen und wären deswegen in der Stadt bekannt. Die Bürger in dieser Gegend scheinen unter permanenter Beobachtung zu stehen (natürlich nur, wenn sie links oder muslimisch sind).  Man könnte meinen, die Stasi gäbe es noch…

Die Antwort auf Annas Mail an den Verfassungsschutz in Niedersachen fällt aus wie erwartet. Max hat demnach nichts zu befürchten – zumindest nicht, wenn er weiterhin nur seine Religion ausübt. Nach dem Besuch bei Max fährt Anna bei Toya vorbei, die wie Max konvertiert ist, sich aber mit ihrer Entscheidung wesentlich mehr Zeit gelassen hat und zudem reflektierter wirkt als Max.

Bei ihr bekommt man jedoch den Eindruck vermittelt, im Islam gehe es nur darum, ein besserer Mensch zu werden und seinen Nächsten zu lieben. Dass diese Religion voller Regeln und Pflichten für die Gläubigen ist, wie beispielsweise die Verhüllung der Frau, kommt überhaupt nicht zur Sprache. Genauso wenig wird erwähnt, dass Muslime in muslimischen Ländern mit Folter oder Tod rechnen müssen, wenn sie vom Glauben abkommen. Gerade in einer Doku, die teilweise Minderjährige anschauen, sollte man sich um differenzierte Berichterstattung bemühen und andere (Ex-)Muslime befragen. Stattdessen ist man viel zu beschäftigt damit, sich zu schämen und vermeintliche Vorurteile abzubauen.

Nicht jeder Muslim – ob Konvertit oder nicht – läuft mit einer Bombe um den Bauch durch die Gegend. Trotzdem kann man die Terroranschläge, die z.B. in Nizza oder Paris im Namen Allahs verübt worden sind, nicht einfach von der Hand weisen oder, wie in diesem Fall einfach ignorieren. Sonst geht es einem wie Anna – man fällt auf der anderen Seite vom Pferd, verschließt die Augen vor der Realität und wittert an jeder Ecke Vorurteile und Diskriminierung. Sei nicht wie Anna. Bleib auf dem Pferd sitzen.

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