Halt, Terminator! Du hast deine Maske vergessen

Von Selma Green | Unsere Autorin schildert ihre Erlebnisse und Eindrücke aus fast einem Jahr Corona-Wahnsinn in der Schule.

Am 17.03.2020 wurden alle Berliner Schulen wegen Corona geschlossen. Alle Schüler sollten Zuhause bleiben und über ein Onlineportal Aufgaben bearbeiten, die täglich von den Lehrern dort eingestellt wurden. Geplant waren zunächst drei Wochen Homeschooling – es kam anders.
Als Schülerin der 8. Klasse durfte ich monatelang zuhause hocken, getrennt von meinen Freunden und Mitschülern und sollte mir selbständig Lerninhalte beibringen.

An einem normalen Dienstagmorgen unterhielt ich mich, wie immer, 10 Minuten vor Unterrichtsbeginn mit meinen Klassenkameraden – Thema Corona. Bis plötzlich meine Chemielehrerin hastig auf mich zulief und mich fragte, was ich in der Schule mache und dass ich Kontakt zu einer infizierten Person hatte und schnell nach Hause gehen solle. Sofort breitete sich große Angst bei mir aus. Am Donnerstag zuvor teilte ich mir unüberlegter Weise mit einer Bekannten eine Querflöte.

Ich musste mich sofort danach testen lassen. Ich war sehr aufgeregt und ängstlich, denn ich könnte die unbekannte und gefährliche Krankheit, über die die Medien ständig berichteten, auch haben. Die Regelung, dass ich als Kontaktperson in eine fünftägige Quarantäne musste, verängstigte mich noch mehr. Ich dachte die Krankheit wäre tödlich. Überraschenderweise wurde jedoch meine Familie und ich negativ getestet, sowie auch die Angehörigen der infizierten Bekannten. 

Dadurch war meine Angst nicht mehr so groß. Ich hatte einen nahezu direkten Speichelaustausch mit einer Coronainfizierten und steckte mich dennoch nicht an. Nach der Quarantäne ging ich wieder zur Schule, nur um kurze Zeit später zu erfahren, dass die Berliner Schulen geschlossen wurden. Das hob zunächst die Stimmung in meiner Klasse. Meine erste Reaktion auf diese Nachricht war Überraschung und auch Freude. Ich nahm an, dass dieser Lockdown, wie berichtet, nur bis nach den Frühlingsferien andauern würde. Durch den Lockdown fielen die anstehenden Klassenarbeiten aus und man konnte sich entspannen. 

Ich vermisste die Schule

Soweit so gut. Erst später wurde mir klar, was so ein Lockdown für mich wirklich bedeuten würde.
Dann wurde die Online-Plattform “Lernraum” eingeführt. Darüber schickten uns die Lehrer Aufgaben, die wir über die Woche verteilt lösen und die Ergebnisse den Lehrern dann zurückschicken sollten.

Ich hatte anfangs Schwierigkeiten mit den Einstellungen dieses Portals. Es kam oft zur Überlastung der Plattform, da sie von zuvielen gleichzeitig benutzt wurde. In diesen Zeiten war es nicht möglich die Aufgaben zu bearbeiten. Damit sammelten die sich an, sodass ich innerhalb von einem Tag Aufgaben für drei Tage zu bearbeiten hatte. Diese Probleme erschwerten mir das Lernen noch mehr. In den ersten drei Wochen “bombardierten” uns die Lehrer förmlich mit Unterrichtsstoff. Oft saß ich dann von 8.00 – 16.00 Uhr oder länger an den Aufgaben (ohne Pause). Für Fragen hatten die Lehrer häufig keine Zeit bzw. ihre Antworten erhielt man meist erst nach mehreren Tagen oder gar nicht. Ich saß allein in meinem Zimmer, bemüht die Aufgaben richtig zu bearbeiten und mich nach Ferien sehnend. Ich erkannte allmählich, dass so ein Lockdown nicht aus Entspannung und mehr Zeit für eigene Interessen bestand.

Ich vermisste die Schule und den uneingeschränkten Alltag. Die Vorfreude auf einen wiederkehrenden, normalen Schultag stieg in der letzten Woche der Osterferien. Ich fing wieder an, mich gut zu kleiden und zu pflegen. Die Aufregung packte mich vor allem in den letzten zwei Ferientagen. Doch da kam auch schon die große Enttäuschung: Der Lockdown wird verlängert. Ab in die nächste Runde. 

Zunächst sollte es bei weiteren zwei Wochen Schulschließung bleiben. Daraus wurde dann ein “wahrscheinlich bis zu den Sommerferien”. Frustriert vom weiteren Lockdown, durfte ich mich wieder vor den Laptop setzen und die Aufgaben im Lernraum bearbeiten. Ich vermisste meine Freunde und Klassenkameraden – das gemeinsame Lernen, das gemeinsame Verbringen der Pausen, die unzähligen teils schlechten Witze, die mich jedoch zum Lachen brachten.

Ich merkte, dass es auch meinen Klassenkameraden während der Zeit im Lockdown nicht besonders gut ging. Ein Junge schrieb “aus Langeweile” seine Lebensgeschichte in den Klassenchat bzw. seine Schullaufbahn. Dass er gemobbt wurde und keine Freunde auf der Grundschule hatte. Ich merkte, dass er sich nach Mitleid und Normalität sehnte, wie ich eigentlich auch. Mitschüler erzählten von ihren unregelmäßigen Schlafrhythmen und beschrieben ihren ungeregelten Tagesablaufs. Der bestand aus Schlafen, nächtelangem Zocken und Netflix schauen.
Der Lockdown machte nicht nur meinen Mitschülern zu schaffen. Diese ungewohnte Situation erschöpfte mich und es ging mir nicht so gut. Ich sah ungepflegt aus, sodass ich mich manchmal vor meinem eigenen Spiegelbild erschrocken habe. Dazu wurde ich schnell reizbar gegenüber meiner Familie.

Trotz alledem half mir die Unterstützung meiner Familie. Es war schön, mehr gemeinsame Zeit mit meiner Familie zu verbringen. Jedoch fehlte mir die Möglichkeit, auch mal etwas außerhalb meiner Familie zu erleben. Ich war oft schnell verzweifelt, wenn die nächste Welle an Hausaufgaben kam. Ich versuchte immer, alles ordentlich zu bearbeiten. Das Ziel der Lehrer war, uns noch schnell alle Themen mitzugeben, damit wir später keine Lücken hätten. Dies wurde jedoch zu einer großen Belastung für mich. Das selbstständige Lernen war neu und ungewohnt und anfangs schwer.

Diese Zeit wurde einfach eingestellt.

Das Lernen machte keinen Spaß mehr. Die Aufgaben waren undeutlich gestellt, mit falschen Angaben ausgestattet oder man musste sich Themen komplett selbst beibringen. Seit dem Moment, in dem beschlossen wurde, dass man sich nur noch verbessern kann bzw. die Lehrer die Schüler nicht schlechter bewerten dürfen, ließ die Motivation endgültig nach. Noch weniger Schüler nahmen das Lernen ernst.

Die Schule war für mich immer ein Ort, an dem ich beweisen konnte, was ich kann. Es gab herausfordernde Mathematikaufgaben, welchen ich mich stellte, Organismen in Biologie, die es zu verstehen und erklären gab, Texte im Deutschunterricht, die man mit der Klasse analysieren sollte. Das verstehe ich unter Schule.

Und eine Klasse zu haben. Da gibt es den einen Klassenclown, der immer lustige Kommentare in den Raum wirft, der Eine, der wegen seinen nicht ganz durchdachten Fragen immer ein Papierkügelchen gegen den Kopf geworfen bekam, den Besserwisser – naja, ich denke das war ich, die Zwei, die sich immer bei Diskussionen im Politikunterricht in die Haare kriegten. 

Diese Zeit wurde einfach eingestellt. Unbewertetes, selbstständiges Lernen hieß es nun. Nach vier Monaten Lockdown und zwei Monaten Ferien begann endlich wieder die Schule. Ich war sehr aufgeregt und freute mich auf die Lehrer und meine Mitschüler. Ich hatte wieder einen Grund, mich heraus zu putzen und früh aufzustehen. Endlich wurde wieder schulische Leistung von mir gefordert. Jedoch mussten wir die Maske im Gebäude tragen und dazu immer Abstand voneinander halten. Dies wurde, wie erwartet, von keinem Schüler richtig eingehalten. Wir konnten keinen ausreichenden Abstand voneinander halten, da sich allein zwei Schüler einen 1,5 Meter breiten Tisch teilten. Dazu waren in den Pausen die ca 2,5 Meter breiten Gänge immer überfüllt. Trotz allem war ich froh, meine Mitschüler wieder sehen zu können, wenn auch nicht das ganze Gesicht. 

Ich merkte in den darauffolgenden Wochen erneut, dass es vielen Mitschülern in der vergangenen Zeit sehr schlecht ging. Ein Junge ist von Zuhause weggelaufen und fehlte für drei Tage. Er verbrachte zwei Nächte im November in einem Wald am Rande Berlins. Er wurde von der Polizei gefunden. Der selbe Schüler hatte tags zuvor mehrere Panikattacken und bedrohte meine Klassenkameraden mit einer angespitzten Rinderrippe. Mein Sitznachbar wurde, was das Tragen einer Maske anging nachlässig. Zwei Jungs reagierten darauf panisch und schubsten ihn öfters und brüllten ihn “aus Spaß” an, er solle gefälligst eine Maske tragen.

Die Schulzeit nach den Sommerferien war nicht so wie ich es mir wünschte “ganz normal”. Das Achten auf die „AHA-Regeln“ machte mich auf die Dauer verrückt. Ich wollte einerseits meine Mitschüler sehen, aber andererseits sollten wir auch auf diese Maßnahmen achten. Die Einschränkungen waren schwerer einzuhalten als ich dachte. In manchen Fächern sollten wir die Maske auch im Unterricht tragen. Ich hatte in den ersten Wochen immer einen, durch die Maske verursachten, trockenen Hals. Als beschlossen wurde, dass wir die Maske dauerhaft, also auch im Unterricht, tragen sollten, wurde mir oft schlecht oder schwindelig. Die meisten Lehrer versuchten, die Maßnahmen korrekt einzuhalten. Bspw. mussten wir im Ernst unsere Hände desinfizieren, um Arbeitsblätter austeilen zu können. Die Lehrer achteten akribisch darauf, dass auch alle Schüler den Abstand einhielten und ihre Masken trugen. Die Sinnlosigkeit dieser Maßnahmen wird einem beim Durchleben eines Schultages klar, das kann ich Ihnen sagen. 

Weil wir Schüler in jeder Weise enger miteinander zutun hatten, sei es im Sportunterricht oder im Labor im Chemieunterricht. Das Leihen von Stiften oder das gemeinsame Verbringen der Pausen machte das Einhalten der ganzen Regeln unmöglich. Trotz meiner Nachlässigkeit beim Befolgen in der Schule, merkte ich in vielen Situationen wie sich die Regeln mittlerweile bei mir verinnerlicht hatten. Bspw. bemerkte ich beim Schauen von Filmen, das es mich irritierte, wenn die Schauspieler keine Maske trugen während sie in ein Geschäft gingen – wo hat A.Schwarzenegger beim Retten von John Connor nur seine Maske gelassen?

Was mich jedoch noch ermutigte war, dass laut dem Gesundheitsminister Spahn kein weiterer Lockdown auf den Ersten folgen würde. Der erste sei eine zu große Zumutung gewesen. Dies erleichterte mich, da ich keinen zweiten Lockdown mitmachen wollte. Und dann kam er doch…
Und dann noch einer. Wer weiß wann er endet. 

Selma Green ist Schülerin an einem Berliner Gymnasium

Leserbriefe

Nachrichten, Kommentare, Leserbriefe - News im Minutentakt.