Gefängnis ohne Gitter

Impfen nützt, weil es das Alter schützt, heißt es. Und unsere hochwohllöbliche Regierung gab kürzlich eine Impf-Prioritätenliste bekannt. Bewohner von Alten-Senioren-und Pflegeheimen sowie Mitarbeiter dieser Institutionen werden als erstes geimpft, hieß es. Einerseits aus Respekt vor dem Alter und andererseits, um sie vor Corona und dessen Mutation aus England zu schützen. Die meisten stimmten dem Angebot, geimpft zu werden, zu. Es wäre jedoch vermessen zu behaupten, sie täten es, ohne Bedenken zu haben. Die von der Wissenschaft noch nicht erforschten Langzeitwirkungen auf die Geimpften spielen dabei sicherlich eine untergeordnete Rolle. Vielmehr ist es die Angst, noch länger „eingesperrt“ zu sein, gepaart mit der Hoffnung, nach vielen Monaten endlich wieder ein Familienmitglied in die Arme nehmen zu können. Ausgeschlossen von allen Überlegungen sind jene, bei denen aufgrund ihrer Demenz andere die Entscheidung auf sich genommen haben. Viele der „Eingesperrten“ sind aber noch „hell auf der Platte“ und machen sich so ihre Gedanken zum Thema Corona.

Vor allem das Chaos, was die Maßnahmen der Regierung anbelangt, beschäftigt sie. In Zeiten, in denen das Fernsehgerät oder die Tageszeitung die einzige Möglichkeit einer Verbindung nach draußen sind, verlässt man sich darauf, das Richtige zu erfahren. Doch was am Montag verkündet wird, wird am Mittwoch widerrufen. „Wenn du geimpft wirst, wird alles besser“, hieß es. Man lässt sich also stechen und wartet.

Auf Besuch, auf einen Spaziergang, auf ein Gespräch mit anderen Heimbewohnern. Doch nichts dergleichen ist möglich. Um einen Besuch empfangen zu können, bedarf es einer Anmeldung des Besuchers bei der Plattform „Österreich testet“ und eines Negativtests, der nicht älter als 24 Stunden ist. Einmal pro Woche, eine Person, zwanzig Minuten. Ein schwacher Trost für Mütter und Väter mit mehr als einem Kind und womöglich zahlreichen Enkeln. Und ein Ende ist nicht
absehbar.

Ich sage das, weil meine fast 89-jährige Mutter in so einer Einrichtung ihre letzten (und hoffentlich noch mehrere) Lebensjahre verbringt und ich sie seit zweieinhalb Monaten nicht mehr gesehen, geschweige denn ihre Hände gehalten habe. Telefonieren ist aufgrund ihrer Schwerhörigkeit nur eingeschränkt möglich. Aber sie erzählt. Sie erzählt, was sie im Fernsehen gebracht haben und was sie in der Zeitung gelesen hat. Und sie möchte verstehen, was passiert, kann es aber nicht, weil man sich auf nichts verlassen kann.

„In Zeiten des Lockdowns wäre es mir lieber, zu sterben, als so zu leben. Ich lebe nur deshalb, um meine Kinder und Enkel noch einmal zu sehen“, sagt sie mit resigniertem Unterton. Und noch etwas. „Ich habe den Krieg erlebt, Bomben, Granaten, Leid, Elend und Hunger, aber ich war nie eingesperrt. Die Freiheit war unser höchstes Gut. Und wir haben gewusst, wofür und gegen wen wir kämpfen“. Doch heute leben wir in einem „Gefängnis ohne Gitter!“

Manfred Tisal ist Kabarettist, Moderator, Autor und Journalist.

[Autor: Bild: PxHere Lizenz:-]

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