GASTSPIEL RALF GRENGEL: Corona-Polizei auf der Jagd – Das Haus ist umstellt!

Die Bässe der lauten Musik hämmern aus den Boxen, die 15 Damen unter den knapp zwei Dutzend Partygästen geizen nicht mit ihren Reizen. Sehr zur Freude der acht jungen Männer, die rauchen, saufen und lauthals lachen. Die Vorhänge der Fenster in der Location sind geschlossen, damit in tiefschwarzer Nacht das bunte Treiben durch Blicke von außen nicht gestört werden kann.

Perspektivwechsel: Die Polizei rückt an. Ein anonymer Anrufer hat das wilde Treiben  verpfiffen. Zu laut, zu schrill, zu viele. Als die Ordnungshüter zugreifen, macht sich ein dunkler Typ aus dem Staub. Flink, schnell, sportlich klettert er aufs Dach, ergreift die Flucht, steigt durch ein Fenster in eine benachbarte Wohnung ein. Er ist allein, macht kein Licht. Er versteckt  sich in der Badewanne, zittert, denkt an seine Freundin und die zwei Kinder zu Hause. Noch hofft er, nicht erwischt zu werden. Doch es gibt kein Entrinnen, die Cops sind zu viele und sie haben Lunte gerochen. Das Haus ist umstellt. Es gibt kein Entkommen.

Eine Szene aus der Netflix-Serie über Drogenbaron Pablo Escobar? Nein, eher gelebter Corona-Alltag in Deutschland. Eine pikante Note bekommt das Ganze, weil der Flüchtling auch in diesem Fall kein ganz unbekannter ist: Breel Embolo, Berufsfußballer von Borussia Mönchengladbach. Nachdem bekanntgeworden war, dass die Polizei die Personalien des 23-Jährigen im Anschluss an die besagte Partynacht aufgenommen hat, hatte der wuchtige Stürmer meines Lieblingsclubs noch angriffslustig beteuert, er sei kein Partygast gewesen, sondern hätte nur in unmittelbarer Nähe der Location mit zwei Freunden Basketball geschaut. Na klar. Zufälle gibt’s oft im Leben.

Doch nach den jüngsten Stellungnahmen der Polizei, die die Flucht und die „Ergreifung“ des Breel Embolo bestätigen, hat der junge Mann gleich mehrere Probleme:

  1. Seine Glaubwürdigkeit ist dahin.
  2. Es gibt zuhause einen, sagen wir, gewissen Erklärungsbedarf.
  3. Sein Trainer ist sauer.
  4. Es drohen 250 Euro Strafe wegen Verstoßes gegen die Coronaauflagen.
  5. Die Presse.

„Gladbach-Star floh übers Dach vor der Polizei. Polizei brach die Tür auf und umstellt das Haus.“ Dazu gibt es bei Bild.de ein Foto von den deutlich sichtbaren Spuren an der Tür, die die Polizei aufgebrochen hat. Die Rheinische Post berichtet nach Rücksprache mit einem Polizeisprecher  online etwas weniger reißerisch, dafür aber im Detail:

„Beim Eintreffen der Polizei sei aus dem coronabedingt geschlossenen Lokal am Essener Baldeneysee eine Person durch ein Fenster aufs Dach geflohen. Die Person sei über das Dach zu einer angrenzenden Wohnung gerannt und habe die Wohnung durch ein weiteres Fenster betreten. Die Polizei habe sich Zutritt zu der Wohnung verschafft und dort eine einzelne Person angetroffen.” Diese Person sei Embolo gewesen.

„Er war allein in der Räumlichkeit“, sagte der Sprecher. Und es habe keine Möglichkeit gegeben, die Wohnung unerkannt zu verlassen, da der Komplex von der Polizei umstellt war. „Deshalb gehen wir davon aus, dass der Mann, der über das Dach geflohen ist, Embolo war.“

Hallo? „Haus von der Polizei umstellt“? „Keine Möglichkeit, die Wohnung unerkannt zu verlassen“? „Zutritt zu der Wohnung verschafft“? „Polizei brach die Tür auf“?

Damit wir uns richtig verstehen: Breel Embolo hat in Zeiten, in denen er und seine Kollegen – im Gegensatz zu vielen anderen – das große Privileg genießen, ihren (hochbezahlten) Beruf ausüben zu dürfen, Mist gebaut. Großen Mist sogar. Dass darüber berichtet wird, ist richtig und gut. Das bringt der Promistatus so mit sich. Ob das Embolo nun gefällt oder nicht.

Aber was ist bloß mit den Berichterstattern los? Ich habe Mitte der 80er-Jahre meine Ausbildung zum Redakteur gemacht und spätestens beim genauen Lesen der „Skandalstory“ hat sich mein Fokus schnell verschoben. Vom Flüchtling auf unsere Freunde und Helfer. Die klingeln an der Tür, um einen „Corona-Partygänger“ (!) zu ermitteln und als keiner aufmacht, zack, das Brecheisen? Was kommt als nächstes: Handschellen? Schusswaffeneinsatz?

Übertreibung macht bekanntlich anschaulich.

Bei wem klingelt es als nächstes? Hey, Kollegen, was ist los mit Euch? Corona ist eine Pandemie, kein Drogenkartell!

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