Ein etwas anderer »Great Reset«

Der heilige Johannes Paul II. pflegte eine Geschichte – eine wahre Geschichte – über einen seiner Kollegen an einer polnischen Universität zu erzählen, an der der zukünftige Papst Ethik lehrte. Der Kollege war ein Physiker, der behauptete, er sei ein Atheist, wenn er an seinem Schreibtisch sitze, aber er fände zum Glauben an Gott, wenn er in den Bergen wandern gehe.
Seitdem ich diese Geschichte gelesen habe, fällt sie mir in verschiedenen Situationen immer wieder ein. Man könnte sie einfach als ein weiteres Beispiel für die Torheiten der Intellektuellen lesen. Soweit ich gehört habe, hat der betreffende Professor diesen Widerspruch, von dem man meinen könnte, er sei die zentrale Beschäftigung seines beruflichen und privaten Lebens, nie gelöst.
Aber wir sind eine seltsame Spezies, und meiner Erfahrung nach sind Intellektuelle kaum die Einzigen, die in bedeutenden Angelegenheiten stark widersprüchliche Impulse hegen, die sie mit ihren üblichen Mitteln nicht auflösen können.
Dennoch ist sein Fall für mich eine scharfe Erinnerung daran, dass wir alle aus den Brutkästen des Denkens und Handelns ausbrechen müssen, die wir dazu neigen, zu erschaffen und uns von der Realität abzuschotten, nie mehr als in modernen technologischen Gesellschaften, besonders jetzt durch die digitale Revolution. Und die Sperren in diesem Jahr, die viele von uns zu mehr Bildschirmzeit getrieben haben, haben Schlimmes nur noch schlimmer gemacht.
Es ist eine häufige Erfahrung, dass die Wiederbegegnung mit der Natur, das Verlieben, das Kinderkriegen – verschiedene solcher Urerfahrungen – uns zu einer größeren, menschlicheren Existenz führen.
Aber die meiste Zeit sind wir eine solche Masse von Widersprüchen und Verwirrung, dass oft das Leiden – die Konfrontation mit Krankheit oder Tod, Ungerechtigkeit, Armut, Gefängnis – das Einzige ist, was uns aufweckt und uns schließlich zur Vernunft und zum Frieden führt. Franz von Assisi und Ignatius von Loyola kamen zu sich selbst – und wurden die großen Heiligen, die wir kennen – erst nach Kriegserfahrungen. In jüngerer Zeit haben große Seelen wie Dostojewski, Solschenizyn und viele andere, bekannte und unbekannte, in politischen Gefängnissen zu Gott gefunden – und damit auch zu sich selbst.
Rod Drehers neues Buch Lebe nicht durch Lügen stützt sich auf viele Beispiele von Menschen, die im 20. Jahrhundert unter dem Kommunismus inhaftiert waren und die ähnliche Durchbrüche zur Freiheit und sogar zur Heiligkeit machten. Drehers Grund, das alles zu erzählen, ist nicht nur historisch. Er glaubt, dass der »weiche Totalitarismus«, den er in den westlichen Demokratien aufsteigen sieht, von uns allen verlangen wird, die Lektionen derjenigen zu lernen, die sich den harten Totalitarismen der jüngsten Vergangenheit entgegenstellten.
Die Dinge mögen noch nicht so weit fortgeschritten sein; es mag noch Wege geben, eine solche Tyrannei zu vermeiden. Aber das wird einen neuen und anderen Satz von Tugenden erfordern als den, den wir bisher an den Tag gelegt haben. Wie Drehers Beispiele zeigen, geht es nicht nur darum, Drohungen mit anderen Drohungen zu begegnen, Gewalt mit Gewalt, alle unsere Bemühungen auf »Gewinnen« im oberflächlichsten Sinne zu richten. Es bedarf einer Art von Transformation in eine völlig andere Art des Verständnisses des Kampfes und dessen, was es bedeutet, zu gewinnen.
In diesen Tagen wird viel darüber geredet, wie die COVID-Pandemie eine Gelegenheit für einen »Großen Reset« bietet, was – soweit ich sehen kann – hauptsächlich bedeutet, den üblichen internationalen Utopismus bezüglich Wirtschaft, Klima, Bevölkerung, Sex und so weiter fortzusetzen. Es ist beunruhigend, dass sogar der Papst einen großen Teil dieser Agenda akzeptiert hat, die nicht neu ist, außer in dem Sinne, dass sie eine neue Verkaufsanstrengung für einige sehr alte und sehr schlechte Ideen und Praktiken ist.
Ich bin selbst Utopist genug, um zu denken, dass vielleicht, nur vielleicht, Gott einen »Großen Reset« als eines der Ergebnisse der verschiedenen Prüfungen des Jahres 2020 vorgesehen hat. Nur nicht die schlechte Ausrede für einen Reset, von dem wir bisher gehört haben.
Ich weiß nicht, was diese veränderte Mentalität sein wird – ich bin auch in den aktuellen Moment verstrickt. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es nicht nur eine Frage einer anderen Politik sein wird. Und ich würde die Vermutung wagen, dass es zunächst einmal nicht die Fortsetzung des getwitterten Denkens und Handelns sein wird, mit dem wir uns gerade gegenseitig beschäftigen.
Es gibt so etwas wie einen gerechten Zorn. Aber es wäre schwierig zu sagen, dass vieles von dem, was wir einander online im Zorn sagen, gerade jetzt gerecht ist. Vieles, sowohl der Inhalt als auch die Art und Weise, scheint vom Bösen zu kommen.
Die Bissigkeit unserer Online-Austausche, die mehr und bösere Bissigkeit hervorbringen – und oft etwas viel Schlimmeres als Bissigkeit – schreit nach einer anderen Perspektive. Man kann nicht anders, als an Jesu eigene Worte zu denken: »Ich aber sage euch: Wer seinem Bruder zürnt, der wird dem Gericht verfallen sein, und wer zu seinem Bruder sagt: ‚Raqa‘, der wird dem Sanhedrin verfallen sein, und wer sagt: ‚Du Narr‘, der wird der feurigen Gehenna verfallen sein.« (Mt.5, 22)
Es erstaunt mich, dass so wenige Christen heutzutage, besonders diejenigen, die vehement Christi Lehren über Ehebruch und Ehescheidung verteidigen, die unmittelbar auf diesen Abschnitt folgen, oder seine Warnung vor dem Töten, die diesem Abschnitt vorausgeht, denken, dass diese Lehre irgendwie nicht auf sie zutrifft. Es ist leicht, die Gewalt des Mobs anzuprangern, wenn sie ausbricht. Aber wo waren Sie, als der Online-Hass des Mobs andere dämonisierte, was zu der Gewalt führte?
Es ist noch gar nicht so lange her, dass ich dachte, der Kalte Krieg läge endgültig hinter uns. Aber es ist klar, dass es Lektionen gibt, die wir im Westen von unseren Freunden lernen müssen, die unter dem Marxismus im Osten gelitten haben. Amerikanische Waffen spielten natürlich eine Rolle beim Sturz der Sowjetunion. Aber die Schlacht wurde nicht durch Waffen gewonnen, sondern durch die Kraft des moralischen und geistigen öffentlichen Zeugnisses – in Polen, der Tschechoslowakei und überall dort, wo Menschen, einschließlich westlicher Führer, bereit waren, für die Wahrheit einzustehen.
Fast niemand außer einer Figur wie Johanes Paul II. erwartete, dass das moralische Zeugnis Erfolg haben würde. Aber es hat es getan und kann es wieder tun, wenn genug von uns, trotz aller Drohungen, sich weigern, die Gewalt und die Falschheit zu akzeptieren, die unter uns wuchern.
[Veröffentlichung mit freundlicher Erlaubnis des Autors.Original hier.]

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