Wie beim Teppichhändler: Wissenschaftsbetrug an der Freie Universität Berlin

Raus aus dem Skandal – rein in den Skandal. So oder so ähnlich muss die einstmals renommierte Freie Universität Berlin gedacht haben. Noch sind die Umstände der Aberkennung der Doktorwürde von Gesundheitsministerin Franziska Giffey, SPD, nicht geklärt, da kommt der nächste schlappe Doktorhut ans Tageslicht.
In diesem Fall handelt es sich zwar nicht um ein Plagiat. Aber ein promovierter Physiker, der in Aufsätzen, wie die FAZ berichtet, »Daten manipuliert« und Daten verwendet, »für die keine Messergebnisse vorgelegen haben«, ist im gewissen Sinne schlimmer als eine Gesundheitsministerin, die sich einen Doktortitel durch Abschreiben erschleicht.
Die Betrügereien flogen auf und der Täuscher musste die Hochschule nach zwei dienstrechtlichen Verfahren verlassen. Das alles reicht bis ins Jahr 2012 zurück. Im Juni 2017 wurde endlich ein schwerwiegendes wissenschaftliches Fehlverhalten festgestellt. Dazu kamen nun noch Vorwürfe, die prämierte Dissertation enthielte Plagiate.
Pikant ist nun: Professor Unrat wurde der Doktor-Titel, ähnlich wie Franziska Giffey, von der Freien Universität belassen. Vielleicht wollte sich die Hochschule ja dankbar zeigen, schließlich hatte der Mann eine mit der Bestnote bedachte Doktorarbeit vorgelegt, für die er 2008 den ›Dissertationspreis Adlershof der Humboldt-Universität zu Berlin‹ erhielt. Drei Jahre später wurde noch der Karl-Scheel-Preis der Physikalischen Gesellschaft zu Berlin draufgelegt.
Einen Hinweis, warum die FU sich bedeckt hält, gibt der seltsame Umstand, dass der Preis dem Professor zwar 2017 wieder aberkannt, auf eine öffentliche Namensnennung aber verzichtet wurde. In einemBeitrag des für gewöhnlich linken Tagesspiegel heißt es: »Gernot Melzer (Name von der Redaktion geändert)«. Ein, zugegeben, unverfänglicher Name. Und da Flüchtlinge in aller Regel keinen Doktor machen, kam auch gar nicht erst der Verdacht auf, es könne jemand anderes sein als eine Art ›Melzer‹.
Doch der Tagesspiegel unterdrückt den Namen nicht zufällig. In dem an sich gut recherchierten Beitrag wird dieser Teil unterschlagen: Professor Unrat heißt im Leben Emad Flear Aziz und ist Ägypter. Den Namen im Internet zu erfragen, fällt nicht schwer, denn die Eckdaten liegen vor und wurden durch einenBlogger zusammengefügt. Aber solange der Name nicht herumgereicht wird, bleibt die Google-Weste, anders als bei Franziska Giffey, weiterhin weiß.
Beschmutzt ist dagegen die Weste der Freien Universität zu Berlin. Sie avanciert mehr und mehr zum Teppichhändler, bei dem die Doktortitel frei Haus ausgestellt und nach Belieben aberkannt werden – oder auch nicht. Mit Wissenschaft hat das so wenig zu tun, wie die Maßnahmen in der Corona-Epidemie oder die Prognosen für die Entwicklung des Klimas.

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