Eine Expedition in die Keller der “Zeit”: “Was lesen Neger?”

Selbst für Minderjährige und Kinder frei zugänglich: Das Hassarchiv der Wochenschrift “Die Zeit” versorgt rassisten und Faschisten mit verrückten Vorurteilen über “Neger” (Zitat “Die Zeit”).

Normalerweise hängt vor diesem langen, dunklen Gang ein Vorhängeschloss, das eine aus massiven Stahl geschmiedete Tür luftdicht abschließt. Niemand soll auch nur zufällig hineinstolpern in diese ganz besonders dunkle Kapitel grausamer deutscher Mediengeschichte, soll unverhofft vor Tatsachen stehen, die Glaubensgewissheiten beschädigen und Weltbilder zerstören könnten. Hier an der Hamburger Buceriusstraße aber, benannt nach einem Organisator des Einsatzes von jüdischen Zwangsarbeitern zu Baracken- und Notunterkünftebau im Zweiten Weltkrieg, läuft es in diesen Tagen des harten Kampfes um Erinnerungen etwas anders.

Im Internet, diesem endlosen Echoraum des Hasses und der Hetze, stellt die Hamburger Wochenschrift “Die Zeit” bis heute schamlos und ungeschützt zur Schau, was das Blatt in den zurückliegenden Jahrzehnten an kruden Thesen und krassem Rassismus in die Welt hinausgeblasen hatte. Jugendliche und sogar Kinder haben hier Zugriff, denn für Abonnenten gibt es keine Schlösser, keine Einlasskontrollen und keine Jugendschutzauflagen. Ungefiltert und ungebremst lädt die Redaktion, die öffentlich mit “Der Schuld ins Gesicht sehen” oder “Unsere Schuld” für die eigene Einsichtsfähigkeit in Versäumnisse der Vergangenheit wirbt, hier spalterische Parolen und rassistische Botschaften ab.

Alle Erkenntnisse der kritischen Weißseinsforschung werden hier negiert und aktuelle Diskussionen um Mohrenstraßen und Mohrenköpfe für obsolet erklärt. Während selbst die Vereinigung der Scrabble-Spieler*innen in Nordamerika sich aufmacht, beleidigende und rassistische Begriffe wie das N-Wort bei Wettbewerben künftig für nicht zulässig zu erklären, protzt das “Zeit”-Archiv im Netz mit fragwürdigen Thesen, offen rassistischen Inhalten und widerlichen Anspielungen auf vorurteilsbeladene Weltbilder.

Geradezu obsessiv erscheint die Vorliebe der sich häufig aus besonders aufgeklärt und modern gebenden Redaktion für das sogenannte “N-Wort”, das im Internetauftritt der Wochenzeitschrift nicht nur pur, sondern auch in einer Vielzahl überwiegend fremdenfeindlicher und westlich-abendländisch zentrierter Fügungen auftaucht. Vom “Neger Hoseah Washington Smith” einem Pfarrer bei der amerikanischen Besatzungsarmee in Wien, der in einem zerbombten Keller eine Schar verwahrloster Kinder findetm, wir hier erzählt, aber auch von einem “Aufstand der “Farbigen”, der keine Utopie mehr sei, sondern in Asien nahezu vollendet.

Eine ganz normale Hochzeit taugt hier für eine dicke Schlagzeile, wenn sie zwischen “Schwarz-Weiß” (Die Zeit) geschlossen wird wie die zwischen Seretse Khama, einem “jungen, in Oxford erzogenen Negerhäuptling” und der Londoner Stenotypistin Ruth Williams” (Die Zeit). Aufsehenerregend erscheint auch das Leben des Deutschen Werner Junge, “der zehn Jahre lang als Arzt in der freien Negerrepublik Liberia an der Westküste Afrikas tätig” war und mit seinem klischeebeladenen Buch “Bolahun – Als deutscher Arzt unter schwarzen Medizinmännern” dafür sorgte, dass das Bild Afrikas bei vielen Deutschen zuverlässig eines aus Schwarz und Weiß blieb.

Schamlos spielt eines von Deutschland progressivsten Leitmedien hier mit Parolen, die üblicherweise von ganz rechts kommen. “Zwischendurch: Polygamie” heißt ein Text, der anprangert, wie der Mandatsausschuss der UNO sich “ein Loblied der Vielweiberei anhören” musste, “das dort der Delegierte der Neger-Republik Liberia vortrug”. “Was denken die Neger von Deutschland?”, fragwürdigt ein anderer Artikel, der europäische Pläne vorstellt, eine damals noch “gemeinsame Erschließung dieses Kontinents” genannte Bekämpfung von Fluchtursachen als europäische Gemeinschaftsanstrengung durchzusetzen.

Immer sind es Un-Worte, die verwendet werden. Immer gibt es weder die vorgeschriebene Triggerwarnung noch eine durch Jugendschutz.net, Antonio-Amadeu-Stiftung oder das Bundesblogampelamt (BBAA) im mecklenburgischen Warin eigentlich vorgeschriebene Schwärzungen.

“Was lesen die Neger?”, fragt die “Zeit” in ihrem Internetangebot provozierend und sie feiert den “Sieg des Weißen” anlässlich eines Boxkampfes, bei der “Neger” Jersey Joe -Walcott verloren habe. Jedes einzelne dieser aufpeitschenden, vorurteilsbeladenen und nachgerade peinlichen Machwerke würde bei einer Verbreitung über Facebook, Twitter oder Instagram im Handumdrehen gesperrt – die “Zeit” aber, die immer wieder beklagt, dass “die Debatte um sprachlich verkrusteten Alltagsrassismus in Deutschland nicht konsequent genug geführt” werde, erteilt sich Sondervollmachten: “Was es heißt, ein Neger zu sein” wird hier mit derselben Selbstverständlichkeit ausgeführt wie “Missionsgefühle der Neger” als eine Art Sonderemotion ausgedeutet werden.

Niemand schreitet ein, niemand sperrt, hält dem blühenden Unsinn von den “Fluxisten als Negern der Kunstgeschichte” und den “Negern, die schneller laufen” Fakten entgegen wie den, dass das “Wort „Neger“ ist nicht Teil deutschen Kulturgutes, sondern diskriminierend” ist, wie die “Zeit” selbst schon einmal im Bemühen schrieb, das eigene postkoloniale Erbe zu verbergen und es allen Seitenrecht zu machen.

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