Das Virus nimmt keine Rücksicht auf gute Regierungen

Gut vorbereitet und dann in jeder einzelnen Pandemiesekunde mit der genau richtig gewählten Maßnahme: Deutschland gilt in deutschen Medien als leuchtendes Beispiel für die  ganze Welt, wie eine Seuchenwelle abzureiten ist.

Wer weniger testet, hat weniger Infektionen? Politische Geisterfahrer, die so rechnen in der Pandemie, verhöhnen den Verstand. Deutschland hat sich, nach allgemeiner Wahrnehmung, hervorragend geschlagen in der Pandemie – warum also sollte mehr getestet werden? Abstand, Händewaschen und eine Maske tragen, wenn der Abstand nicht gehalten werden kann, das reichte bis hierher und es muss auch weiter reichen, denn einen neuerlichen Lockdown kann sich das Land, das gerade darangeht, Europa zu retten, soweit es die EU betrifft, nicht leisten.

Während weltweit die Infektionszahlen steigen, steht Deutschland gut da. Man hört kaum noch etwas von Corona, der mediale Peak Pandemie ist überschritten. Jetzt müssen die Pakete wummsen, die Bundesregierung und EU zum Wiederaufbau des Kontinents planen. Bemerkenswert am Bild, das Medien Menschen im Land vermitteln, ist nicht nur die die Eindeutigkeit, die es zeigt. Sondern auch das Muster, nach dem berichtet wird.

Nicht nur aus Italien und Spanien, sondern auch aus Russland, den USA und Brasilien, aber auch aus Großbritannien sind Schreckensaufnahmen gezeigt worden – verzweifelte Ärzte, überfüllte Krankenhäuser, Schlangen vor Arbeitsämtern und Gräberfelder. Aus Deutschland dagegen gab es vor allem verfilmte Ruckreden zu sehen: Menschen, die nicht aufgeben. Politiker, die einen Plan haben. Firmen, die sich bereit machen, ins Leben zurückzukehren. Hier werden die größten Hilfspakete am schnellsten geschnürt. Hier hat es keine Fehler gegeben, sondern in jeder Sekunde der vergangenen vier Monate eine exakt richtig auf die jeweilige Situation zugeschnittene Reaktion.

Es ist, als wäre Corona alles in allem aus gerechnet an der Region vorbeigeschrammt, die sonst von jeder Katastrophe am schwersten getroffen wird. Kluge Politik, ein hervorragendes Gesundheitssystem und ein entschlossenes Zusammenwirken aller staatlichen Institutionen zeigen Wirkung. Eine gute Regierung, so suggeriert die Erzählung am Ende, vermochte das Schlimmste zu verhindern.

Nur ist das eben eine Geschichte, die mit den Zahlen der Johns-Hopkins-Universität kaum zusammenpassen will. Nach Erreichen von zehn Millionen weltweit gemeldeten Sars-CoV-2-Infektionen und beinahe einer halben Million Todesopfer zählt Deutschland 195.000 Infizierte und knapp 9.000 Corona-Tote – eine Todesrate von 4,6 Prozent. Der nächstfolgende in der Weltrangliste ist Saudi-Arabien mit 190.000 Infektionen und 1.650 Toten. Eine Todesrate, die um das Fünffache unter der deutschen liegt. Selbst die Todesrate in den USA, die 2,7 Millionen Infizierte zählen und 129.000 Tote, liegt nur marginal über der in Deutschland: Im Reich von Donald Trump starben 4,8 Prozent aller Menschen, die sich mit Corana ansteckten.

Gute Regierungen, schlechte Regierungen. Das Virus, dem Verschwörungstheoretiker nachsagten, es treffe von Frauen regierte Länder weniger, von Rechtspopulisten regierte hingegen besonders stark,  macht zwischen ihnen kaum einen Unterschied. Als gelte das deutsche Diktum, wer sich wo auf der nach beiden Seiten offenen Demokratiemesslatte einzuordnen haben, gar nicht weltweit und für alle, schlägt die Pandemie blind zu. So schneidet Erdogans Türkei besser ab als Merkels Deutschland, der Iran der mörderischen Mullahs kommt bisher weit glimpflicher davon als das Frankreich der Lichtgestalt Emmanuel Macron.

Was soll das? Wieso kann ein absolutistisch regierter Staat wie Russland mit mehr als dreimal so vielen Infizierten und einem Gesundheitswesen, dass wegen der nationalistischen Umtriebe Putins schon in normalen Zeiten “heillos überfordert”(ZDF) ist, mit mehr als dreimal so viele Infizierten kaum mehr Tote haben als Deutschland, der Pandemievorzeigestandort? Weswegen leidet Kanada, eine befreundete und nicht nur klimarettungstechnisch gleichgesinnte Nation, mit 106.000 Infizierten und mehr als 8.500 Verstorbenen so viel mehr als das menschenrechtsfeindliche Pakistan, das doppelt so viele Infizierte, aber nur die halb so viele Tote zählt?

Corona stellt Rätsel, die für jede Interpretation offen  wären, zuverlässig aber in nur eine Richtung zu lösen sind: “Das Virus nimmt keine Rücksicht auf schlechte Regierungen”, fabuliert die FAZ, Corona wirke “wie ein Verstärker für gute wie schlechte Eigenschaften von Regierungen”, fantasiert die SZ. Wo Frauen regieren, “wird Corona besser bewältigt”, macht die BIld.-Zeitung glauben. Und wo Afrikaner an der Macht sind, läuft es irgendwie schlechter, hat die Badische Zeitung ermittelt.
Dass etwa Nigeria, Ghana und Camerun mit gerademal fünfstelligen Infiziertenzahlen und dreistelligen Opferzahlen verglichen mit Europa wirken, als gebe es gar keine Pandemie, ficht Analysten im besten Coronaland der Erde nicht an: Wenn Kenia mit etwas mehr als halb so viele Bevölkerung wie Deutschland weniger Infizierte meldet als Deutschland Tote hat, dann kann es nur ein Fazit geben: Deutschland macht das sehr, sehr gut.

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